Die alte Wilhelmsburger Windmühle

Von E. Reinstorf, 1921

01. Partie an der Mühle

Wer kennt sie nicht, diese Zierde unserer Insel, und wer hätte deshalb auch nicht bedauert, daß, wie unser alter Kirchturm infolge des Krieges ohne Spitze, sie ohne Flügel stehen mußte. Um so mehr freut sich jeder, besonders im Osten Wilhelmsburgs, daß nachdem bereits seit längerer Zeit der Turm wieder in seiner alten Stattlichkeit gen Himmel ragt, nun auch die Mühle aus dem Schlafe erwacht ist und ihre Flügel von neuem schwingt.

Bei dieser Gelegenheit möge es gestattet sein, einen kurzen Abriß der Geschichte der Mühle zu geben.

Wann und von wem die erste Mühle hier erbaut worden ist, darüber ist keine Nachricht auf uns gekommen. Im Jahre 1450 gab es nach einem alten Verzeichnis im Lüneburgischen schon zahlreiche Windmühlen. Aber damals wird die Wilhelmsburger Windmühle noch nicht vorhanden gewesen sein, da das Gelände, auf dem sie steht, nämlich das Schöne Feld, noch nicht eingedeicht war und man wohl kaum wird annehmen können, das man sie in uneingedeichtem Lande, wenn auch auf einer Anhöhe, erbaute. Zudem war das Schöne Feld von 1395 bis 1479 an Hamburg verpfändet. Da die Bedeichung des Schönen Feldes 1491 geschah, wird die Erbauung der Mühle nach dieser Zeit anzusetzen sein. Für Wilhelmsburg mag die Notwendigkeit besonders nahe gelegen haben, hier eine eigene Mühle zu bauen, da es für die hiesigen Bewohner sehr beschwerlich war, das zu mahlende Korn nach Hamburg hin und das Mehl von dort nach hier zurückzuschaffen. Zugleich werden die Groten, welche bis 1672 unsere Insel besaßen, dahin gestrebt haben, sich auch nach dieser Richtung hin von den Nachbarn unabhängig zu machen. Die Erbauung der Mühle war gleichsam nur ein Schritt auf dem Wege, den die Groten 1388 durch die Errichtung einer eigenen Pfarre und die Gründung einer Kirche hierselbst unter ihrem Patronat beschritten hatten.

Erwähnt wird die Mühle, soweit ich sehe, zuerst 1582, in welchem Jahre die Leute in Stillhorn bei derselben eine Hausworth auffuhren, worauf ein Kornhaus und die Müllerwohnung - aus Holz und Steinen, also im Fachwerk - erbaut wurde. 1631 wurde die Windmühle für353 Taler 6 Schilling repariert. 1634 war sie von den Groten für halbjährlich 70 Mark, 1680 - 1686 für jährlich 105 Taler verpachtet. 1686 - 1697 hatte sie Konrad Feldmann für jährlich 66 Taler 32 Schilling in Pacht. Sie war aber ziemlich baufällig. Es gehörten zu ihr eine Müllerwohnung und ein Müllerkaten.

1709 - 1712 war Cord Lohse Pächter der herrschaftlichen Windmühle. 1718 brannte die Mühle ab. Sie wurde aber im folgenden Jahr wieder aufgebaut.

1726 - 1727 verursachte sie 323 Taler 10 Schilling Reparaturkosten.

1739 - 1740 wurde sie für 62 Taler 39 Schilling geteert und mit Steinplatten umher versehen.

Vom 01.Mai 1724 bis dahin 1742 hatte Christian Lange die Mühle nebst Krug und Bierschank, sowie Mehlkorn - Brotverkauf für jährlich 90 Taler in Pacht.

1741 hatte Zimmermeister Joachim Nagel in Billwärder die "herrschaftliche Kornwindmühle" gepachtet.

Am 18. Dezember 1745 bekam sie Cord Johann Lose in Ochsenwerder für jährlich 40 Taler, 1746 Johann Matthias Otten, 1753 Johann Peter Langeloh in Hamburg. Am 04.August 1755 erwarb sie Christoph Bünso für 6700 Taler Lübisch. Derselbe war 36 Jahre alt und verheiratet mit Besche, geb. Timmann (dieselbe lebte 1806 noch 86 Jahre alt). Bünso teilte 1779 seine Güter. Der mittelste Sohn Eggert, 20 Jahre alt und verheiratet mit Ilsabe (?) Cordes, Tochter von Thomas Cordes aus Georgswerder, erhielt die Mühle für 20 000 Mark. Eggert Bünso starb bereits 1786, und nun übernahm der Altenteiler Christoph Bünso die Mühle wieder.

Laut Erbenzinsbrief vom 05. Januar 1807 übernahm Henning Cordes, der die ältere (Margarete) von Eggert Bünso heiratete , die Mühle nebst einigen Morgen Land für 34 000 Mark. Er starb jedoch bereits 1812 mit Hinterlassung von vier Söhnen, von denen der älteste noch nicht konfirmiert war. Auf dem Besitztum lasteten 5660 Taler Schulden.

Am 09.März 1813 wurde die Mühle nebst der Müllerwohnung von den Franzosen, um den Rückzug zu decken, in Brand gesteckt. Das selbe Schicksal hatten später bei der Belagerung Hamburgs die Mühlen auf der Veddel, in Ochsenwerder, und Billwärder. Infolgedessen mußten die Wilhelmsburger in Hamburg oder Harburg mahlen lassen.

An Brandkassengeld wurde von der Assekuranzanstalt in Wilhelmsburg und Neuhof, die von der Lüneburger Assekuranzanstalt getrennt war, 3000 Taler ausgezahlt.

Der Neubau der Mühle nebst Müllerhaus wurde dagegen auf 12000 Taler veranschlagt.

Das Amt stellte den Vormündern der minderjährigen Kinder, der Mutter und dem Kötner Heinrich Heinz von Rotehaus, die zur Zeit der Franzosenherrschaft von einem Familienrat (ohne Vereidigung) gewählt worden und denen als Kuratoren der Höfner Joachim Fick in Finkenriek und der Kantor Riechelmann beigegeben worden waren, die Frage, ob sie die Mühle wieder aufbauen lassen, oder sie verkaufen wollten. Sie erwiderten, daß sie gewillt seien, alle ihre Kräfte anzustrengen, die Mühle wieder herzustellen. Sie baten jedoch die Herrschaft um Unterstützung durch Lieferung von Föhren - und Eichenholz.

Seit Dezember 1814 nahm sich der Zimmermeister Harg, ein wohlhabender und zuverlässiger Mann, des Baues ernstlich an. Er lieferte auf Kredit. Die Mühle wurde mit Stroh gedeckt und stellte sich schließlich auf 30 000 Mark. Sie wurde versichert bei der Phönix-Assekuranz-Sozietat in London, da die hiesige Assekuranz-Gesellschaft keine höhere Versicherung als 2000 Mark annahm.

1815 verheiratete sich die Witwe Cordes wieder, und zwar mit dem 32 jährigen Sohne des hiesigen Höfners Jakob Röbke, der dann auch, da ihm durch Erbzinsbrief vom 01.Mai 1815 an die Mühle auf 20 Jahre zugeschrieben wurde, die Mittel zum Bau vorschoß. Er war ein fleißiger und tüchtiger Mann.

Nachdem die Mühlen Ende 1815 fertig geworden war, lieferte sie wieder Mehl gegen die übliche Mahlmetze.

Im September 1830 verheiratete sich Christoph Cordes, der älteste Sohn des verstorbenen Müllers Henning Cordes, im Alter von 23 1/2 Jahren mit Lucie Clasen, der 16 jährigen Tochter des Hofbesitzers Joachim Clasen in der Kornweide, nachdem die Verlobung der beiden am 07.Mai desselben Jahres" durch gerichtlichen Akt deklariert" worden war. Cordes erheiratete Bollhof seiner Schwiegereltern, die Rübenkote am Grünendeich, die Kindworthkote, das Beckersche Haus am alten Deich, die Beckersche Kote, eine Kote zum Reiherstieg, eine solche hinter dem Schönen Felde und 10 000 Kassenmünze.

Am 11.März 1840 wurde ihnen ihr Sohn Wilhelm geboren, der sich später durch die Schaffung der Ohlsdorfer Friedhofes, dessen Direktor er von 1879 bis zu seinem 1917 erfolgten Tode auch war, einen solchen Namen erwarb, daß "wenn man in Zukunft die großen Künstler in Niedersachsen aufzählt, seinen Namen in erster Reihe glänzen wird."

Im November 1871 versandte der Müller Christoph Cordes an die hiesigen Bewohner folgende gedruckte "Bekanntmachung: Nach den Schreiben vom 20.November dieses Jahres vom Königlich Preußischen Ministerium für Handel und Gewerbe in Berlin, sind die der hiesigen Mühle in dem Erbzinsbriefe vom August 1755 beigelegten Pflichten und Rechte von dem Gesetze vom 17.März 1868 (über Gewerbefreiheit) nicht aufgehoben und bestehen nach wie vor. Zu den Rechten gehört unter anderem, daß die Eingesessenen der Insel Wilhelmsburg auf ausländischen Mühlen nicht mahlen lassen sollen.

Ich bin veranlaßt, alle herauskommenden Befälle und Abgaben nach wie vor der Regierung zu entrichten, so wie auch die der Mühle zustehenden Rechte in Folge unnachsichtlich zu wahren.

Indem ich die verehrten Mitbewohner wohlmeinend hiervon in Kenntnis setze, verfehle ich nicht, eine gewünschte Einsicht in die Originalschriften gerne frei zu stellen."

Der Erfolg dieser Bekanntmachung ist leider nicht mehr festzustellen. Es ist jedoch anzunehmen, daß sie nicht mehr als ein Schlag ins Wasser war.

Am 24.Oktober 1874 brannte die Mühle zum dritten Male ab. Sie wurde aber alsbald, und zwar mit vier Mahlgängen, von dem Baumeister F. Dobbertin aus Boizenburg wiederaufgebaut. Später erhielt sie auch eine Windrose. Besonders gerühmt wird der leichte Gang der Mühle.

1886 starb Christoph Cordes, und ein Jahr später ging die Mühle in den Besitz des Müllers Blohm über. Derselbe besaß sie 21 Jahre. 1911 kaufte der jetzige Besitzer Hermann Röbcke die Mühle.

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