„Reiherstieg - kannst Du swiegen?"

300 Jahre Milchwirtschaft auf der Elbinsel Wilhelmsburg

Unsere Elbinsel hat eine stolze Geschichte. Allerdings wehen in ihr keine Fahnen im Pulverdampf und keine Trommeln schüttern rataplan. Nein, es ist eine Geschichte der Arbeit, in der um Land gerungen wird, das seine Einwohner und deren Nachbarn besonders im Norden ernähren sollte. So legt unser Heimatmuseum ein beredtes Zeugnis besonders von der Wilhelmsburger Milchwirtschaft ab, und nicht umsonst konzentriert im Zeitalter unserer Industrialisierung Rektor Keesenberg, der verdienstvolle Leiter unseres hübschen Museums im Kirchdorfer „Amtshaus", seine Suchaktion auf Erinnerungsstücke an Wilhelmsburgs frühere Landwirtschaft. Der folgende Artikel aus der Feder unseres Heimatfachmannes wird deshalb für die Leser der WZ von allergrößtem Interesse sein.

Seit Jahrhunderten hat Wilhelmsburg zusammen mit den benachbarten Elbinseln Finkenwerder und Altenwerder und den Marschdörfern Lauenbruch und Moorburg die Hansestadt mit frischer Milch und Milcherzeugnissen versorgt.

Von 1650 an besitzen wir dafür reichliche Zeugnisse in Kirchenbüchern und Archiven. Eine große Zahl von Gerät­schaften, ein Milchwagen für Pferdebespannung, eine große Handkarre auf hohen Rädern, Schüsseln und Milch­bütten, eine „Butterkarrn" (Faß zum Buttern), alte Milchmaße, große Milchtonnen und kleine Rahmtonnen für den Transport nach Hamburg, ein Milchschlitten für den Winter und vieles andere mehr sind in der milchwirtschaftlichen Abteilung des Wilhelmsburger Heimatmuseums zusammengetragen.

Die guten Viehweiden im Elbmarschgebiet ermöglichten eine ertragreiche Milchwirtschaft, die nahe gelegene Stadt bot günstige Absatzmöglichkeiten. Die zahlreichen Elbarme waren geeignete Anfahrtswege. Für nachgeborene Bauernsöhne war, nachdem die ganze Insel bedeicht war, keine Siedlungsgelegenheit mehr.

Melker und Macker

So fanden sie im Milchhandel eine neue Erwerbsmöglichkeit. Sie wurden „Melker". Eine kleine Gruppe von 3 bis 5 jungen Leuten kaufte zusammen ein etwa 5 m langes Boot, den „Milchewer". Sie nannten sich gegenseitig „Macker". Nachdem sie morgens mit den Bauern gegen 3-4 Uhr gemolken hatten, trugen sie die frische Milch an ihren Ewer, siebten sie durch ein Leinentuch und füllten sie in Tonnen, die mit einem großen Kork- oder Holzstopfen verschlossen waren. So konnte selbst beim Schaukeln des Ewers keine Milch verschüttet werden. Schwierig war allerdings die Reinigung. Durch die 4-8 cm weiten Löcher für die Stopfen konnte man nicht in die Tonnen hineinreichen. So schüttete man eine Handvoll weißen Elbsand hinein, goß kochendes Wasser dazu und schüttelte die Tonne heftig. Die Milch- und Rahmreste wurden dann durch das heiße Wasser aufgeweicht und beim Schütteln mit dem Sand entfernt. Das entsprach zwar nicht den heutigen Ansprüchen an die hygienisch einwandfreie Behandlung der Milch und der Milchgeräte, aber man half sich, so gut es ging, mögen auch gelegentlich die Sandkörner in Milchspeisen geknirscht haben.

1. Der Milchlieferant Gustav Aldag

2. Milchgeschäft von Gustav Aldag in der Peter-Beenck Strasse

Die Milchewer wurden in den kleinen Wasserläufen „gestakt", so wie es die Ewerführer in Hamburg noch heute tun. Im offenen Wasser auf dem Reiherstieg und der Elbe wurde gerudert oder bei günstigem Wind auch gesegelt. Das gab dann oft eine fröhliche Fahrt. Wenn es möglich war, wurde die Tide ausgenutzt, damit man leichtere Arbeit hatte, und stand darum gern eine Stunde eher auf, um noch mit der Ebbe nach Hamburg fahren zu können.

Gefährliche Fahrten

Bei Sturm war die Fahrt oft gefährlich. Wir wissen von zwei solchen Unglücksfällen um 1850. Einmal ertrank die gesamte Besatzung von 8 Personen, weil niemand schwimmen konnte. Am 22. Februar 1842 wurden die 10 Insassen eines Milchewers von Boizenburger Schiffern gerettet. Der Bericht darüber im Boizenburger Wochenblatt im Anhang der Arbeit gibt ein interessantes Bild der damaligen Zeit. Schwierig war die Fahrt oft im Winter, wenn die Gewässer zugefroren, das Eis aber noch nicht stark genug war zum Betreten. Dann benutzte man einen Kahnschlitten; das ist ein flaches Boot mit eisernen Kufen, das auch über das Eis gezogen und geschoben werden konnte. Trug das Eis auf der Elbe noch nicht, konnte man ins Fahrzeug springen und auf dem Wasser weiterfahren.

  Bei starkem Frost transportierte man die Milch auf großen Schlitten. Da die Melker sehr früh losfahren mußten, ging einer mit einer Laterne voran. Wenn das Eis an manchen Stellen noch nicht sicher trug, mußte mit dem Staaken vorher das Eis geprüft werden. Man hatte sich „Eiseisen" mit 4 spitzen Zacken unter die Schuhe geschnallt, um nicht auszurutschen. Gelegentlich war die Milch wohl auch bei dem langen Weg zu Eis gefroren, und man mußte sie in Hamburg erst wieder auftauen. Auch die Melker selbst waren natürlich erstarrt und benutzten die Zeit, um sich durch einen starken „Petum" (ähnlich dem Rumgrog mit Ingwer gewürzt) wieder durchzuwärmen.

Mit Zylinder und Pumphose

Die Melker trugen auf ihrer Reise nach Hamburg eine Tracht, die im Straßenbild Althamburgs als recht bunt auffiel und im Heimatmuseum erhalten ist.

Dazu gehörte ein Zylinder, eine bunte Weste, perlenbestickte Hosen­träger und eine Pumphose. Diese weißleinene Hose wurde über die dunkle Tuchhose gezogen, um Milchflecke zu vermeiden. Die Strümpfe zog man über die Tuchhose. So entstand ein Bild, ähnlich der Hummelfigur, aber bunter und farbenfroher.

In Hamburg legte man am Stadtdeich, am Deichtor, am Baumwall, am Rödingsmarkt oder an St. Pauli an. Dann begann der Verkauf. Meistens wurde auf der Straße ausgerufen, so daß die Hausfrauen aufmerksam gemacht wurden:

„Frische Melk, Boddermelk, Köhmkäs, Dickmelk usw."

Manchmal auch in Versen:

„Frische Melk, Boddermelk un Käs; all'ns billig un frisch; jü kriegt se nich billiger hüt ob den Disch."

Oder:

„Boddermelk ut den Kübel, verdrifft all dat Übel, Köhmkäs un Quark, dat mokt stark, beden Bodder dor ünner, fallt de Quark nich rünner."

Zum Einmessen der Milch hatte man kegelförmige Maße aus Messing, die jeden Sonnabend geputzt wurden. Sie hatten keine einheitliche Größe, nur sollte die konische Form mit der großen Oberfläche nach .„viel" aussehen, jedoch der enge Boden dafür sorgen, daß nicht soviel hineinging.

Geeichte Litermaße

Als nach der Reichsgründung im Jahre 1872 geeichte Milchmaße eingeführt wurden, waren die Wilhelmsburger Melker nicht sehr erbaut davon. Mit der „optischen Täuschung" war es aus. Sie sangen aus Ärger ein Lied, von dem wir leider nur noch den Kehrreim kennen:

„Dat is, weil wi uns nich verstoht,

mit dat nee'e Litermoot."

Auch die "Milchpanscherei" ist wohl gelegentlich bei einzelnen Melkern im Schwange gewesen. Wegen der Polizei brauchte man meist keine großen Sorgen zu haben, und schwierige Wetterverhältnisse brachten die Melker dann oft in die Verlegenheit, sich durch Panschen zu helfen. Es war üblich, daß ein Milchhändler für 1 Jahr, vom 1. Mai eines Jahres bis zum 30. April des nächsten Jahres von einem oder mehreren Bauern die Milch kaufte. Darüber wurde oft ein schriftlicher Vertrag abgeschlossen.

Er mußte dann in dieser Zeit sämtliche Milch dieser Bauern abnehmen. Gab es regenreiche Zeiten, dann wuchs viel Gras, die Kühe hatten viel Futter und gaben viel Milch. Die Hamburger verbrauchten wegen des feuchten und kühlen Wetters wenig, und der Melker mußte die unverkaufte Milch zu Butter, Käse und Dickmilch verarbeiten, manchmal sogar an die Schweine verfüttern. Gab es dagegen einen trockenen, warmen Sommer, so wuchs das Gras nicht so gut, das Futter war weniger und die Milch knapp. Der Milchverbrauch war an heißen Tagen dagegen sehr groß. Selten nur konnte man sich in nachbarlicher Hilfe ausgleichen, da alle unter den gleichen Verhältnissen litten. Da mußte dann wohl das Wasser auch einmal aushelfen, das ja bei den Fahrten mit dem Ewer immer in so verführerischer Nähe war. Dann soll man gesagt haben:

„Reiherstieg, kanns du swiegen,

denn kanns du in'n Ammer (Eimer)

stiegen."

Als ein Wilhelmsburger Milchhändler einmal zur Zeit einer Milchschwemme im Sommer nicht mehr wußte, wohin mit der vielen Milch, schüttete er einige Eimer in die Elbe und sagte:

„Ick hol se in'n Winter (dann war die Milch meist knapp) wedder rut!"

Ein grundlegender Wandel im Milchtransport bahnte sich an, als die Chaussee (die heutige Georg-Wilhelm-Stra­ße) gebaut wurde. An dieser Stelle hatten bereits die Franzosen im Jahre 1813 einen geraden Verbindungsweg von Harburg nach Hamburg geschaffen, der allerdings schon 1817 verfallen war. Im Jahre 1852 wurde er wieder neu hergerichtet und konnte 1853 für den Verkehr freigegeben werden. Über die Süderelbe führten zuerst hölzerne Wagenfähren, ab 1854 eine Dampffähre. Die Hamburger richteten erst 1860 eine Dampffähre für die Norderelbe ein.

3. Milchkarre mit Hund

Damit war für die Wilhelmsburger Melker eine bessere Verbindung mit Hamburg geschaffen. An der neuen ,Harburger Chaussee" siedelten sich weitere Melker an, die mit einer hohen zweirädrigen Handkarre die Milch auf der neuen Straße an die Fähre beim Grasbrook brachten und von dort aus schnell die Altstadt, die Neustadt und St. Pauli erreichen konnten. Die Melker hatten große Hunde, die mit ihrem Geschirr an der Achse der Karre mit ziehen mußten.

Mit Pferd und Wagen

4. Milchkutsche in der Straße Alte Schleuse

  Als dann im Jahre 1887 die Straßenbrücke über die Norderelbe gebaut war, wurde der Verkehr nach Hamburg abermals bedeutend erleichtert. Nun gingen die Wilhelmsburger Melker mehr und mehr zum Verkehr mit Pferdegespannen über.

Die 4rädrigen Wagen hatten viele Haken für Kannen und Eimer, einen hohen Bock für den Kutscher und einen kleinen Oberbau für Butter und Käse. Die Reise nach Hamburg war nun wesentlich erleichtert, die Kosten allerdings bedeutend erhöht. Man konnte aber auch wesentlich mehr Milch transportieren und damit den Verdienst erhöhen.

Welche Bedeutung der Milchhandel in Wilhelmsburg im vorigen Jahrhundert hatte, das zeigen deutlich 2 besondere Zusammenstellungen:

Ein Relief der Insel gibt die Häuser der 120 Melker wieder, die um 1880 von Wilhelmsburg aus die Milch nach Hamburg schafften. Überall an den Wasserläufen wohnten sie, damit sie ihre Ewer bis dicht ans Haus bringen konnten. Die ersten wohnten bereits um diese Zeit an der Chaussee. Sie fuhren mit Karren und Wagen.

Die 2. Arbeit zeigt eine Familientafel der Melkerfamilie Clasen. Um 1675 sitzt die Familie bereits an der Einmündung des Honartsdeiches in den Rotenhäuserdeich. Das Haus wurde beim Bau der Reichsstraße abgerissen. Zehn Generationen enthält die Tafel mit 28 Melkern. Einer der ältesten Familienmitglieder hatte vier Söhne - alle vier wurden Melker. Die vier hatten zusammen acht Söhne - und alle acht wurden Melker. In der nächsten Generation waren es bereits elf. Dann brachte die rasche Aufwärtsentwicklung Hamburgs viele neue Berufsmöglichkeiten, und als 1936 der ambulante Handel mit Milch nach Hamburg verboten wurde, blieben nur noch zwei Milchhändlerfamilien Clasen in Wilhelmsburg zurück.

Heute hat sich nun der Milchhandel grundlegend gewandelt. Unsere milchwirtschaftliche Abteilung im Wilhelmsburger Heimatmuseum hat alle alten Geräte gesammelt und will sie für die Zukunft erhalten.

 

  Keesenberg

 5. War wohl ein Treffen/Feier der Wilhelmsburger Milchhändler. Müsste im Gasthof Sohre in Kirchdorf gewesen sein.
Gustav Aldag in der zweiten Reihe v.lks. zwischen den beiden Damen. Direkt darunter sitzend seine Frau lks.daneben deren Mutter Helene Aldag.

Das Bild ist vermutlich in den 20er Jahren aufgenommen worden. Vielleicht erkennt ja noch irgend jemand die eine oder andere Person.

 

Boizenburger rettete zehn Elbinsulaner

Milchleute fielen in die Elbe - Orkan ließ Ewer kentern

Eine gar gruselige Februargeschichte aus der guten alten Zeit, in der die Wasser allerdings genau so naß und im Winter vielleicht noch kälter waren als heutzutage, berichtet hier Rektor K e e s e n b e r g. Er fand sie auf völlig vergilbtem Papier abgedruckt, und deshalb soll diese Historie neuaufgelegt werden, damit auch in Zukunft, dann wenn auch das Papier dieser „WZ" -Ausgabe vom 19. Februar 1960 vergilbt unter alten Akten hervorlugen wird, der Ruhm wackerer Boizenburger Lebensretter hochgehalten werde. Nach dem „Reiherstieg - kannst Du swiegen?" ist diese wahrhaft „wahre Geschichte" nicht nur vor dem Ofen, son­dern auch vor der Zentralheizung gut vorzulesen.

 

Mit wahrer, inniger Freude und mit dem herzlichen Wunsche, daß das hier Mitgeteilte recht weit umher bekannt werden möge, will Ich es versuchen, ein Ereignis nebst seinen Einzelheiten und besonderen Umständen nach authenti­schen Quellen zu schildern; ein Ereignis, welches eben sowohl Gottes allwaltende Vorsehung laut und eindringlich predigt, als es zugleich einen erfreulichen Beweis davon liefert, daß doch kühner Muth und edle Uneigennützigkeit sich auch in niederen Ständen noch finden.

Die Nacht vom 2lsten zum 22sten Februar d. J. war, wie wir uns heute, am 5. März 1842, noch sehr gut erinnern können, eine der fürchterlichsten, die wir im neuen Jahre erlebten. Grausig heulte der Sturm; in Strömen ergoß sich der Regen vom Himmel; die Wogen der Elbe schäumten und wuchsen immer höher und höher und eine verschlang hastig die andere. Die Nacht war vorüber, der Morgen brach an, aber noch immer hielt das furchtbare Unwetter an; kaum möglich schien es, daß bei einem solchen Kampfe der Elemente es Jemand wagen würde, auf schwachem Fahrzeuge sich den Wogen anzuvertrauen. Dennoch bestiegen mitten unter Sturm und Unwetter gegen 7 Uhr morgens am Dienstag, den 22. Februar, neun Familienväter und ein 16jähriger Bursche ein Ever, um wie gewöhnlich ihre Milch von Wilhelmsburg, Wilhelmsburg ist eine Insel in der Elbe Hamburg gegenüber, mit starker Viehzucht und vielem Gemüsebau, nach Hamburg bringen.

Die Wilhelmsburger sind bekannt mit dem trügerischen Elemente, und als wackere und kühne Ruderer berühmt. Kaum aber waren sie auf Schußweite vom Ufer entfernt, als ein furchtbarer Windstoß ihr Fahrzeug umwarf und alle 10 Menschen dem Tode in den Wellen preisgab. Ja, unrettbar wären sie verloren gewesen, hätte nicht der allgütige Vater im Himmel sich ihrer erbarmt; hätte er nicht in drei braven Männern aus Boizenburg noch zur rechten Zeit ihnen Retter zugesandt.

Durch eben den Sturm, der für jene Milcher so unheilbringend war, an seiner Abfahrt behindert und noch auf das Eintreten der völligen Fluth wartend, lag der hiesige Bürger und Schiffer Jo­hann Peter P a n z, Hans D e e t z, dessen Stiefsohn, und W e e g e n e r, der Gehülfe, mit seinem befrachteten Schiffe am sogenannten „ R e c k w e r  d e r" an der Seite von Wilhelmsburg.

  Alle drei saßen in der Cajüte des Schiffes, Panz an dem einen Fenster derselben. Plötzlich sieht er das Fahrzeug mit den Milchern umschlagen, er hört ihr Klagegeschrei, vernimmt ihren Hülferuf, und fordert sogleich die beiden Andern auf, den Kahn seines Schiffes loszubinden. Als der Sohn hierauf ruft: „Aber, Vater, wir können ja selbst ertrinken" erwidert dieser: „ei was, wir können es doch nicht mit ansehen, daß diese zehn Menschen ertrinken!"

  Sogleich warfen nun alle drei die Röcke ab, eilen - ohne an die eigene Gefahr zu denken - über das Schiff, besteigen den Kahn und fahren nun in Gottes Namen der Stelle zu, wo die Unglücklichen, die sich an den ganz umgeworfenen Ever angeklammert hatten, im Wasser hingen.

Mit der größten körperlichen Anstrengung, und während die Wellen immerfort über den Bord des Kahnes schlugen, und diesen, einen neuen und starken Kahn, schon mit Wasser anfüllten, kamen sie bei den schon ganz ermatteten Milchern an. Die Unglücklichen, in ihrer Todesnoth, wollen Jeder gern zuerst gerettet sein, und namentlich der Jüngste von ihnen ruft unaufhörlich: „Mich zuerst, mich zuerst!"

Als Panz sieht, daß sie sich anschicken, ihren Kahn loszulassen, und sich alle zehn an seinen Kahn anzuklammern, ruft er ihnen - die ganze Größe der Gefahr überschauend - zu: „Wenn Ihr Euch nicht ruhig verhaltet und nicht dableibt: so müssen wir Alle ertrinken!" -Hierauf ergriffen die Retter zuerst einen ganz alten Mann, der schon ganz kraft- und fast bewußtlos war; dann die Übrigen, Einen nach dem Andern, und zuletzt auch den Burschen, der schon unter dem Wasser lag und legten sie in den Kahn. Nachdem die Zehn gerettet waren, fuhren die braven Retter, obwohl durch so viele und so saure Arbeit selbst erschöpft, doch noch rüstig in dem mit dreizehn Personen und halb mit Wasser angefüllten Kahn ans Land, übergaben die Geretteten den am Ufer Stehenden, brachten den alten Mann erst wieder zu sich, und nun erst erleichterten sowohl Retter als Gerettete ihr vor Freude und Dank erfülltes Herz durch einen heißen Thränenstrom.

Wer vermag es, die Gefühle der Geretteten zu schildern! Aus der augenscheinlichsten Lebensgefahr sahen sie sich befreit, sahen sich wiedergegeben ihren Frauen und Kindern, die, ohne die göttliche Hülfe, ohne den wackeren Panz und seine Gehülfen als Wittwen und Waisen vielleicht kümmerlich ihr Dasein hätten fristen müssen. Und wie uneigennützig zeigte sich dieser schlichte, biedre Mann! Jede ihm angebotene Belohnung schlug er großmüthig aus, und entzog sich, mit dem köstlichsten Bewußtsein, treu seine Menschen- und Bruderpflicht erfüllt zu haben, den Ausrüchen ihres heißen und innigen Dankes.

Die Fluth war jetzt vollständig eingetreten; der Sturm hatte sich einigermaßen gelegt, und Panz und seine Gefährten lichten die Anker, um ihre Heimreise anzutreten. Da ertönt ein lautes Rufen; Panz blickt um sich und sieht den geretteten Burschen an der Hand seines eiligst herbeigeholten Vaters daher kommen. Auf den Zuruf beider, er möchte doch nur einen Augenblick warten, man wollte ihm nur Dank abstatten für die Rettung des Sohnes-, antwortete jedoch der anspruchslose Panz: „Ich habe keine Zeit mehr." -

Als darauf der Vater ihn um seinen Namen und Wohnort bittet, verspricht ihm Panz, sein Sohn solle dies aufschreiben und ihm zusenden. Dies Letztere ist geschehen.

Die zehn geretteten Milcher haben dem braven Panz und seinen Gehülfen in herzlichen Worten durch öffentliche Blätter, namentlich durch den Hamburger Correspondenten, ihren Dank ausgesprochen, und auch unser Herz bringt ihnen diesen gerührt und innig dar.

Möchte der alliebende Vater im Him­mel diese braven Männer in seinen besonderen väterlichen Schutz nehmen; möchte er durch langes, glückliches Leben, durch dauerhafte Gesundheit, sowie durch Verleihung alles dessen, was ihnen wahrhaft nützlich ist, ihnen vergelten, was sie an den zehn geretteten Menschen gethan haben!

Notabene: Durch einen zweiten, von Wilhelmsburg abgesandten Ever sind auch die Eimer und sonstigen Utensilien der Milcher gerettet. Der Erwähnung verdient es noch, daß diese Familien vorzugsweise dazu bestimmt zu sein scheinen, als Retter von Menschenleben aufzutreten.

Denn vor circa 15 Jahren rettete der älteste Sohn, selbst noch in einem Alter von 15 Jahren, schon einem Manne, der im hiesigen Schacksgraben verunglückt war, das Leben, wofür er damals, nach einer veranstalteten Sammlung, eine silberne Uhr, geschmückt mit der Devise: ,;Für Retter eines Menschenlebens", erhielt.

Ebenso muß es bemerkt werden, daß der erste Mann der Frau Panz in den Fluthen der Elbe seinen Tod fand. Wie leicht hätte dasselbe Schicksal auch ih­ren jetzigen Mann treffen können! B.

 

 

Der Schiffer J. P. P a n z aus Boizenburg rettete bei dem Sturmwetter am 22. Februar 1842, morgens, auf der Elbe die Unterzeichneten, deren Fahrzeug durch einen furchtbaren Windstoß umgeworfen ward, das Leben! Eigene Lebensgefahr nicht scheuend, eilte er mit zweien seiner Leute in seinem Fahrzeuge zu unserer Rettung aus der Todesgefahr herbei. - Nur seinem Muthe, seiner Unerschrockenheit und seinen und seiner beiden Leute kräftigsten Anstrengungen und Ausdauer gelang es, uns Alle aus den Fluthen dem Tode zu entreißen.

Wir halten uns verpflichtet, ihm öffentlich zu danken, nicht allein in unserem, sondern auch im Namen unserer Familie, denen wir durch seine und seiner beiden Leute Hülle wiedergegeben sind, und ersuchen die geehrten Redactionen anderer Blätter, das humane, uneigennützige Benehmen dieses Mannes, der jede ihm angebotene Belohnung großmüthig ausschlug, weiter zu veröffentlichen, da wir ihm nicht anders zu lohnen wissen.

Wilhelmsburg, den 24sten Februar 1842.

Die zehn geretteten Milcher aus Wilhelmsburg

 

Aus der Wilhelmsburger Zeitung vom 19. Februar 1960

 

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