Lisa Langbehn, geb. Rahn, zum Neuhoftreffen 2008

Heute
ist wieder mal das Treffen der Neuhofer, zu denen auch ich gehöre.
Leider kann ich nicht dabei sein, da körperliche
Gehbehindernisse
dies nicht zulassen. Ich muss
nur noch im Bett liegen
und von da aus mein Leben meistern. Ich versuche, aus diesem
Dilemma das Beste zu machen, und da ich meine Augen und die
Hände
noch - wenn auch mit großen Schwierigkeiten - benutzen kann, kommen sie mir zur
Hilfe. Ich bin dafür
sehr dankbar und froh, dass
ich diese Kleinigkeiten noch verüben
kann, bin ich dadurch doch nicht
ganz abgeschrieben. Ich hoffe nun noch, man kann meine Schrift
entziffern. Dann komme ich jetzt zum eigentlichen Zweck meines
Schreibens.
Ich
bin eine alte, um nicht zu sagen „uralte“
Neuhoferin, denn im Jahr 1910
zog es meine Eltern von Ziegenort in Pommern nach Hamburg. Dieser
Umzug war berufsbedingt, denn mein Vater war Schiffszimmermann. Er
baute Schiffe in allen Größen
und Farben. Sie wurden nicht nur in Stettin
sondern auch in Hamburg auf der Vulkanwerft gebaut und liefen dort vom Stapel.
Doch
ich möchte
noch etwas über
Neuhof erzählen,
das ich sehr geliebt
habe, und dem ich immer noch nachtrauere. Ich verließ
1924 die
Schule, wurde dann auch in der kleinen Kirche konfirmiert und mein Berufsleben
begann.
Der
1. Weltkrieg war zwar vorbei, aber noch
nicht vergessen, denn es herrschte noch große Hungersnot, die
Inflation machte sich breit und viele Menschen lebten in großer Armut.
Doch
leider hatte die NSDAP – die Hitlerpartei – ihre Macht in die Hand genommen,
was bedeutete, dass die Politik sehr mächtig wurde und wer nicht richtig
spurte, kam ins KZ – Konzentrationslager -, das viele Menschen nicht überlebten.
Doch auch diese Zeit ging vorüber.
Eine
Familie darf ich bestimmt hier begrüßen. Es sind Rudi und Ingrid Matthies mit
Sohn Dr. Gunnar Matthies.
In
diesem Zusammenhang möchte ich auch die damaligen Sparclubs erwähnen, von
denen es viele gab. Im
Sparclub „Gemütlichkeit“, dem auch ich mit angehörte, habe ich viele
Freundschaften geschlossenen. Es war wie in einer großen Familie. Und von den
Rahn’s gehörten viele dazu.
Dann
gab es die Turn- und Sportvereine, es gab Gesangsvereine, die alle an Willi
Adomeit’s Eckkneipe ihren Stammtisch hatten.
Geschäfte
aller Art kannte man dort, auch ich hatte 11 Jahre in der Köhlbrandstraße 70
ein Lebensmittel-Geschäft, mit lieber, treuer Kundschaft.
Neuhof
war nicht nur für Kinder ein Paradies. Alle Menschen konnten sich dort wohlfühlen,
doch das Aus kam endgültig, als man den Bau der Köhlbrandbrücke begann. Sie
wird das Bauwerk des Jahrhunderts genannt. Doch heute spricht und schreibt man
in der Presse schon wieder vom Abriss und Bau einer noch höheren Brücke.
Dieser schnelllebigen Zeit kann man kaum folgen. Ich bin sehr skeptisch und
belaste mich damit aber nicht. Ich werde es nicht mehr erleben, denn viele Jahre
werde ich nicht mehr erleben. Ich bin am 17. Februar 2008
98 Jahre alt geworden, ich werde bald abtreten.
Ich
wäre am 22. Februar gern bei Euch gewesen, denn einige Neuhofer hätte ich
sicher noch angetroffen. Ich wünsche Ihnen allen, die Sie der Einladung von
Elke und Klaus gefolgt sind, ein fröhliches und geselliges Beisammensein und grüße
alle Anwesenden ganz herzlich.
Ihre Lisa Langbehn
Januar
2008