Lisa Langbehn, geb. Rahn, zum Neuhoftreffen 2008

Heute ist wieder mal das Treffen der Neuhofer, zu denen auch ich gehöre. Leider kann ich nicht dabei sein, da körperliche Gehbehindernisse dies nicht zulassen. Ich muss nur noch im Bett liegen und von da aus mein Leben meistern. Ich versuche, aus diesem Dilemma das Beste zu machen, und da ich meine Augen und die Hände noch - wenn auch mit großen Schwierigkeiten - benutzen kann, kommen sie mir zur Hilfe.  Ich bin dafür sehr dankbar und froh, dass ich diese Kleinigkeiten noch verüben kann, bin ich dadurch doch nicht ganz abgeschrieben. Ich hoffe nun noch, man kann meine Schrift entziffern. Dann komme ich jetzt zum eigentlichen Zweck meines Schreibens.

Ich bin eine alte, um nicht zu sagen uralte“ Neuhoferin, denn im Jahr 1910 zog es meine Eltern von Ziegenort in Pommern nach Hamburg. Dieser Umzug war berufsbedingt, denn mein Vater war Schiffszimmermann. Er baute Schiffe in allen Größen und Farben. Sie wurden nicht nur in Stettin sondern auch in Hamburg auf der Vulkanwerft gebaut und liefen dort vom Stapel. Durch diesen großen Bauplatz hatten wir eine große Sandkiste vor der Haustür, von der reger Gebrauch gemacht wurde, zusammen mit dem kleinen Badestrand am Köhlbrand war das für uns Kinder ein Paradies, das wir oft und gern besuchten. Im Jahr 1916 - der l. Weltkrieg tobte schon - begann meine Schulzeit in der damals neu erbauten Schule in Neuhof. 8 Jahre habe ich dort mein Wissen und meine Kenntnisse, die ich dort erwarb, vervollständigt und zehre noch heute mit meinen 98 Jahren davon.

Doch ich möchte noch etwas über Neuhof erzählen, das ich sehr geliebt habe, und dem ich immer noch nachtrauere. Ich verließ 1924 die Schule, wurde dann auch in der kleinen Kirche konfirmiert und mein Berufsleben begann.

Der 1. Weltkrieg war zwar vorbei, aber noch nicht vergessen, denn es herrschte noch große Hungersnot, die Inflation machte sich breit und viele Menschen lebten in großer Armut. Doch auch die Jahre vergingen, und das Leben hatte wieder einen Sinn. Die Arbeitslosigkeit nahm langsam ein Ende, denn viele Menschen kamen wieder in Lohn und Brot. Auch wir Neuhofer hatten wieder Spaß und Freude auf dem Sportplatz, auf dem Tanzboden und was ganz wichtig:  Sinn für viele Aktivitäten. Ein Kino wurde in einem der alten Bauernhäuser eröffnet. Es stand in der Nähe des Deiches, der alten Neuhofern noch ein Begriff sein wird. Um den Deich herum machten wir bei schönem Wetter gern unseren Spaziergang. Dort standen die adrett schmucken Fischerhäuser und jeder kannte jeden. Es waren die Jobmann, die Rübkes, die Matthies und noch viele mehr. Ich grüße sie alle, egal, wo sie sich aufhalten.

Doch leider hatte die NSDAP – die Hitlerpartei – ihre Macht in die Hand genommen, was bedeutete, dass die Politik sehr mächtig wurde und wer nicht richtig spurte, kam ins KZ – Konzentrationslager -, das viele Menschen nicht überlebten. Doch auch diese Zeit ging vorüber. Wir hatten 1945 den zweiten Weltkrieg überstanden, doch halb Deutschland lag in Schutt und Asche und auch unser Neuhof hatte ein paar Bombentreffer abgekriegt. Das waren die ersten Vorboten des Verfalls von Neuhof. Noch versuchte man auch in Neuhof die Kriegsschäden zu beseitigen, doch die Naturgewalten waren nicht aufzuhalten. Die große Sturmflut 1962 richtete auch in Neuhof großen Schaden an.

Eine Familie darf ich bestimmt hier begrüßen. Es sind Rudi und Ingrid Matthies mit Sohn Dr. Gunnar Matthies.

In diesem Zusammenhang möchte ich auch die damaligen Sparclubs erwähnen, von denen es viele gab. Im Sparclub „Gemütlichkeit“, dem auch ich mit angehörte, habe ich viele Freundschaften geschlossenen. Es war wie in einer großen Familie. Und von den Rahn’s  gehörten viele dazu. Dann gab es die Turn- und Sportvereine, es gab Gesangsvereine, die alle an Willi Adomeit’s Eckkneipe ihren Stammtisch hatten.

Geschäfte aller Art kannte man dort, auch ich hatte 11 Jahre in der Köhlbrandstraße 70 ein Lebensmittel-Geschäft, mit lieber, treuer Kundschaft.

Neuhof war nicht nur für Kinder ein Paradies. Alle Menschen konnten sich dort wohlfühlen, doch das Aus kam endgültig, als man den Bau der Köhlbrandbrücke begann. Sie wird das Bauwerk des Jahrhunderts genannt. Doch heute spricht und schreibt man in der Presse schon wieder vom Abriss und Bau einer noch höheren Brücke. Dieser schnelllebigen Zeit kann man kaum folgen. Ich bin sehr skeptisch und belaste mich damit aber nicht. Ich werde es nicht mehr erleben, denn viele Jahre werde ich nicht mehr erleben. Ich bin am 17. Februar 2008  98 Jahre alt geworden, ich werde bald abtreten.

Ich wäre am 22. Februar gern bei Euch gewesen, denn einige Neuhofer hätte ich sicher noch angetroffen. Ich wünsche Ihnen allen, die Sie der Einladung von Elke und Klaus gefolgt sind, ein fröhliches und geselliges Beisammensein und grüße alle Anwesenden ganz herzlich.

Ihre Lisa Langbehn

Januar 2008