Die Chronik der Bahnhofskirche St. Raphael

aus der Festschrift anläßlich des 75. jährigen Bestehens der Kirche St. Raphael aus dem Jahre 1985

01.

Dieses alte Bauernhaus von 1807 stand an der Thielenstraße25 Ecke Wehrmannstraße. Es beherbergte eine Warteschule, dann einen evangelischen Kindergarten, anschließend ein SA-Heim während des Nationalsozialismus. Hier fanden auch die ersten Gottesdienste und Versammlungen der Bahnhofsgemeinde "St.Raphael" von 1907 bis zur Fertigstellung der Bahnhofskirche im Jahre 1913 statt.

Bahnhofsgemeinde kam mit der Eisenbahn

St. Raphael kam sozusagen mit der Eisenbahn nach Wilhelmsburg. Das geht schon aus dem früheren - und heute noch populären - Namen dieser gemeinde hervor: "Bahnhofskirche". Sie ist das Beispiel einer kirchlichen Urschöpfung unserer Tage. Denn bis über die Mitte des vorigen Jahrhunderts war dort, wo jetzt der Rangier- und Durchgangsbahnhof liegt, nichts als grünes Gras, weiter Wiesen und hier und da einige Bauerhäuser und Katen.

Um die Jahrhundertwende baute die Reichsbahn den großen Rangierbahnhof und legte dann auch eine Haltestelle für Personen an. Damit kamen Eisenbahner hierher, die in den bekannten großen Blocks im Bahnhofsviertel angesiedelt wurden. Kaufleute und Handwerker kamen nach, Schulen entstanden und eine Kirche mußte geschaffen werden. (Bericht der Wilhelmsburger Zeitung vom 14.10.1960)

Die Kreuzkirchengemeinde in Kirchdorf wird Mutter

Die Bahnhofskirchengemeinde "St.Raphael" ist ein Kind der Kreuzkirche. Von hier kamen anfangs ein Hilfsgeistlicher mit Gemeindeschwestern; ein evangelischer Kindergarten wurde gegründet, den lange jahre3 Diakonissen betreuten. Nachdem Pastor coll. Liebermann angefangen hatte, die "bahnhöfer" in den Jahren 1907 - 1909 zu sammeln, übernahm Pastor Kastendieck als erster die Leitung der Bahnhofs Gemeinde im Jahre 1910. Der Regierungsrat Corallus von der damaligen Reichsbahn setzte sich sehr für den Bau einer Kirche ein. Als Baugrund waren zunächst die Schladermund'schen Wiesen in der Thielenstraße vorgesehen, jedoch erhielt die gemeinde von der Eisenbahnbaugenossenschaft ein Grundstück in der Wehrmannstraße.

02. Bahnhofskirche mit Kapelle und der Eulenburg in der Wehrmannstraße 6

Schwierigkeiten beim Kirchenbau

Mit dem Kirchenbau wurde 1912 begonnen. Der Architekt Vandrè führte den Bauauftrag aus. Mancherlei Schwierigkeiten waren zu überwinden, bevor die Kirche eingeweiht werden konnte. Der Baugrund, eingedeichter Inselboden, war sehr weich. So mußten 172 Pfähle von 8 - 12 Meter Länge in den Boden gerammt werden. Auf diesem Fundament entstand dann ein wuchtiger Kirchbau, der von einem 38 m hohen Turm überragt wurde. Die Einweihung der Bahnhofskirche fand am 06.11.1913 statt. Kaiserin Auguste Viktoria stiftete aus diesem Anlass eine Bibel, die auch heute noch auf dem Altar liegt und als ein einziges Stück den Bombenangriff im Jahre 1945 überstand.

03.

Der Eisenbahner Friedhof

Zur gleichen zeit legte die Gemeinde einen Friedhof in der Neuenfelder Straße an. Der Friedhof hatte keine eigene Kapelle, so daß die Trauerfeiern entweder in der St.Raphael Kirche oder in der Kapelle des in unmittelbarer Nachbarschaft liegenden Friedhofes Mengestraße abgehalten wurden. Der Friedhof ist von zwei Seiten von Eisenbahnanlagen umgeben und es fanden hier überwiegend Eisenbahner mit ihren Angehörigen ihre letzte Ruhestätte. Seit der Schließung des Friedhofes im Jahre 1982 finden die Bestattungen auf dem Friedhof Finkenriek am nördlichen Ufer der Süderelbe statt.

Die Gemeinde - Keim - Zellen

Die "Urzelle" der Bahnhofsgemeinde bildeten damals 15 Gemüsebauernfamilien und 1.500 Eisenbahnerfamilien. Die Fertigstellung der Hafenarbeitersiedlung im Jahre 1935 erbrachte einen Gemeindegliederzuwachs. Bis Mitte der 50er Jahre stagnierte dann die Bautätigkeit, von einigen Privatsiedlern abgesehen.

Die ersten Gruppen entstehen

Pastor Kastendieck amtierte in der Gemeinde bis 1922. Von Dez. 1922 bis März 1923 versorgte Pastor Dieckmann als Hilfsprediger die Gemeinde. Ab 1923 führte Pastor Reddersen das Werk Pastor Kastendiecks weiter. In seiner Amtszeit kam es zur Gründung des Posaunenchores und weiblicher und männlicher Jugendgruppen.

 04. 09.03.1924 Gründung des Posaunenchores von links nach rechts:

1. Reihe sitzend: Karl Möhe, Robert Bommer, Pastor Reddersen, Fritz Rost, Hans Ulrich

2. Reihe stehend: W. Koch, W. Ostermann, Jahnke, Schröder jun., O. Heitbrak, H. Westermann

3. Reihe stehend: A. Licht, W. Schröder, S. Engfert, H. Albers

Auf Anregung von Pastor Voss und seiner Frau kamen am 17.11.1933 etwas 80 Frauen der Bahnhofskirche zusammen und gründeten die evangelische Frauenhilfe. Dies ist zugleich das Gründungsdatum des heutigen Frauenkreises, der 1983 auf sein 50 jähriges Jubiläum zurückblicken konnte.

Am 22.04.1926 fanden sich 4 Konfirmanden des letzten Jahrganges: Herbert Krampitz, Gustav Reck, Herbert Riewe und Hans Umland im Studierzimmer des Herrn Pastor Reddersen zusammen und gründeten unter dem Vorsitz des Herrn Pastor einen evangelischen Jungmännerverein. Der Jungmännerverein schloß sich wenig später dem CVJM-Nordbund an. Am 21.10.1928 war der Umbau der Kapelle abgeschlossen und die Einweihung fand unter der Mitwirkung des Kirchenvorstandes, des Posaunenchores sowie des inzwischen gegründeten Jungmädchenvereins "Sonnenschein" statt. Bis dahin fanden die Zusammenkünfte in der Privatwohnung des Pastores in der Buddestraße statt, der dort zur miete wohnte.

05.

Viele Aufgaben erwarteten seinen Nachfolger Pastor Hans Voss, der 1930 in sein Amt eingeführt wurde. Viele Gemeindemitglieder hatten damals keinen Arbeitsplatz, hungerten und waren auf eine Unterstützung angewiesen. Pastor Voss versuchte die Not durch Sammlungen abzuschwächen. Zeitweise wurden die Kellerräume der Kirche zu Stapelplätze für Gemüse, Kleidungsstücke und Schuhwerk umfunktioniert.

Die Gemeinde wird fertig

1932 konnte der fertige Bau des Gemeindehauses mit der Pfarrwohnung am 04.12. feierlich eingeweiht werden. Endlich hatten die Gruppen einen festen Ort und ausreichend Platz, um sich treffen zu können.

06.

Gemeindeleben in der Zeit des Nationalsozialismus: 1933 - 1945

Die Machtergreifung Adolf Hitlers und die Errichtung einer nationalsozialistischen Diktatur in Deutschland, beeinflusste auch das kirchliche Leben in Wilhelmsburg. Teile der gemeinde zogen es vor, der nationalsozialistischen Partei anzuhören und traten aus der Kirche aus. Der Kirchenvorstand und Pastor Voss wehrten verschiedene Anfragen nationalsozialistischer Organisationen ab, Gemeinderäume benutzen zu dürfen. Gleichzeitig mußten sie es hinnehmen, daß sie im Gottesdienst und im Kirchenvorstand durch Parteimitglieder oder geheime Staatspolizei bespitzelt wurden.. Die CVJM-Pfadfinderarbeit fand unter großen Schwierigkeiten bis 1937 statt, dann löste sich die Gruppe auf. Der Kirchenkeller wurde zum Zufluchtsort für Schutzsuchende bei Luftangriffen, ca. 200 Menschen fanden hier Platz. Nachdem die Kirche in den Jahren 1941 - 1943 leichte Bombenschäden davontrug, werden alle kirchlichen Gebäude am 22. März 1945 durch einen Fliegerangriff mit Luftminen völlig zerstört. In den Nachbarhäusern der Wehrmannstraße 6 + 8 finden Menschen den Tod.

07. Die zerstörte Kirche

Ein neuer Anfang wird gemacht: 1945 - 1950

Nicht nur das 1000 jährige reich lag nun in Schutt und Asche, sondern auch die Kirchengebäude der Bahnhofskirche

08. Das zerstörte Gemeindehaus

Behutsam ging Pastor Voss daran, die Gemeinde wieder neu aufzubauen. Viele Menschen waren orientierungslos geworden. Für die einen kam mit dem Kriegsende die Befreiung, für andere war es nur eine Kapitulation. Der Nationalsozialismus hatte tiefe Gräben in der Gemeinde gezogen. Die Gottesdienste werden in der gegenüberliegenden Schule der Buddestraße, teilweise auch beim Rektor Herman Keesenberg abgehalten. Die Kirchdorfer Kreuzkirche springt helfend bei Amtshandlungen ein. Das Geld wird knapp nach dem Krieg. Viele Menschen haben wenig zu essen. Die gemeinde wächst. Ausgebombte, Flüchtlinge und Rückkehrer kommen nach Wilhelmsburg. Der Krieg ist zu Ende, aber die Menschen haben noch lange an den Folgen zu tragen. Seelsorge ist wieder gefragt.

09.

Aufbauphase: 1950 - 1960

Die Bahnhofskirche wird am 17.12.1950 wieder aufgebaut. Sie ist eine der ersten Kirchen der Bundesrepublik, die nach dem zweiten Weltkrieg wieder aufgebaut wurde.

Nach nunmehr 22 jähriger Tätigkeit in der gemeinde tritt Pastor Hans Voss in den wohlverdienten Ruhestand. Sein Nachfolger wird Pastor Heinrich langer. Unter seiner Amtsführung wird der Aufbau zügig weiterbetrieben. Der 2. Bauabschnitt, das Pfarrhaus, wird im September 1953 fertig. Aus Bautechnischen Gründen kann das Gemeindehaus nicht an gleicher Stelle wieder aufgebaut werden. Die gemeindegruppen müssen daher in den Kirchenkeller ausweichen, der dafür provisorisch ausgebaut wird. Es folgt am 31.10.1957 die Fertigstellung des 3. Bauabschnittes. Mit dem Turm und den 3 Glocken erhält die Bahnhofskirche auch einen Namen: Sankt Raphael. Raphael ist der Mediziner unter den 7 Erzengeln. Die Struktur der Kirchengemeinde wird stark von den Eisenbahnern geprägt. Das "Neue Bahnhofsviertel" entsteht im Norden der gemeinde. Hier baut die Wohnungsbaugesellschaft "Norden" in den Jahren 1957 - 1974 über 700 Wohnheimplätze und 438 Wohnungen. Später kommen noch weitere Hochhauswohnungen hinzu. Pastor Lange bringt viele neue Impulse in die gemeinde. In den Jahren 1953 - 1957 ist er als Kreisjugendpastor in Harburg sehr erfolgreich. Unter seiner Regie entstehen 1956 die ersten Wilhelmsburger Kirchentage.

St. Raphael in den Schlagzeilen

Der 4. Wilhelmsburger Kirchentag wird aus Anlass des 50 jährigen Bestehens der Kirchengemeinde St. Raphael intensiv vorbereitet. Vom 28. - 31.10.1960 ist die Gemeinde Mittelpunkt des kirchlichen Geschehens. Führende Persönlichkeiten aus Kirche und Politik geben sich hier ein Stelldichein. (u.a. Helmut Schmidt, Dr. Walter Imhoff, Pastor Waldemar Wilken, Landessuperintendent Dornblüth). Während einer Jugendveranstaltung wurde im Rahmen eines Anspiels vor dem Altar Rock 'n Roll getanzt, um eine besondere Form der Lebensgestaltung junger Leute zu zeigen. Darüber entbrannte in mehreren Hamburger Zeitungen ein starkes, verfälschendes Echo unter dem Slogan "Tanz vor dem Altar".

Die Wogen darüber hatten sich gerade in der Gemeinde geglättet, als in der Nacht vom 16. zum 17.02.1962 eine viel größere Sturmflut über Wilhelmsburg hereinbrach.

 Nach 1962 begann Wilhelmsburg sein Gesicht sehr zu verändern:

Eine rege Bautätigkeit ließ die Wiesen und Felder immer weniger werden. Dafür entstand die Siedlung "Schwentnerring", Korallusring, das Einkaufszentrum. Die Gemeinde bekam ein Gemeindehaus. Die großen sozialen Probleme Wilhelmsburgs prägen fortan auch die Arbeit der Kirchengemeinde.

Damit aber sind wir schon bei der Zeitgeschichte angekommen. Sie ist noch in unseren Erinnerung. Die Aufgabe der Chronik endet hier.

Möge Gottes Segen mit allen Menschen in der St. Raphael Gemeinde sein und sie bei all ihrem Tun Begleiten.

10. 1985

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 Abb. 01. - 10. sowie Text von Kirchengemeinde Kirchdorf steht unter einer  Creative Commons Namensnennung-Keine kommerzielle Nutzung-Keine Bearbeitung 3.0 Deutschland Lizenz.

 

11. Kirche am Bahnhof

12. 1914

13. Kapelle die dem neuen Gemeindehause weichen mußte 30er Jahre

14. das Alte stürzt, es ändern sich die Zeiten

15. das neue Gemeindehaus nach der Fertigstellung

16.

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Abbildung 11. -16. von Peter Pforr steht unter einer Creative Commons Namensnennung-Keine kommerzielle Nutzung-Keine Bearbeitung 3.0 Deutschland Lizenz.