Weißt Du noch..................?

Hier berichten Wilhelmsburger was sie einst auf der Elbinsel erlebt haben. Wenn auch Sie Geschichten haben wäre ich Ihnen sehr Dankbar wenn Sie mir diese zukommen lassen. Ich werde die Berichte dann hier veröffentlichen.

Vielen Dank


Der Posthof

von M. Peters 2008

  Das Wilhelmsburger Lokal „Posthof“ befand sich an der Einmündung der Mannesallee zur Veringstraße. Ich wohnte in den 60ern „um die Ecke“.

  Was weiß ich noch vom „Posthof“? Nicht viel, aber immerhin, dass es meine bevorzugte Kneipe war, um Eis zu kaufen. Es kamen für Kinder wie mich meistens nur folgende Eis-Sorten in Betracht: „Eis am Stiel“ für 10 Pfennig in den Sorten Vanille, Erdbeere oder Schokolade.  Dieses „Eis am Stiel“ war länglich-zylindrisch und in einfachem Papier eingewickelt. Ich bevorzugte „Erdbeere“. Wenn ich Glück hatte oder eine gute Schulnote heimbrachte, lag auch ein „Domino“ drin: Vanille-Eis in Waffeln, halb und halb mit Schokolade überzogen, rechteckig. Um an diese Eisgenüsse zu gelangen, musste man einige Stufen (drei?) zur Posthoftür aufsteigen. Dann, auch wenn die Tür in der kalten Jahreszeit geschlossen war (normalerweise stand sie immer offen), musste man einen sehr schweren, roten Vorhang zur Seite schieben um das Innere des Eis-Paradieses betreten zu können.

Ein warmer, feuchter, irgendwie wohliger Geruch nach Bier und Menschen strömte einem dann entgegen. Der hohe Tresen war gleich links vom Eingang. Darauf befand sich die „Nuss-Bar“, ein rundliches Glasgefäß, gefüllt mit leckeren Erdnüssen. Für einen Groschen konnte man sich davon eine kleine Hand voll abfüllen.

  Im dunstigen Hintergrund der von Bier und Tabakrauch geschwängerten Kneipe konnte das Eis kaufende, kindliche Gemüt die verbotenen Bereiche des Erwachsenenlebens erahnen. Doch das war für einen 10jährigen noch nicht so relevant.

  Die Besitzer des Posthofes waren damals Herrchen und Weibchen eines riesigen schwarzen Hundes, offenbar vom Stamm der Bulldoggen. Dieses Raubtier hatte regelmäßig freien Auslauf zwecks „Gassi machen“. Es war damals die Regel, dass dieser Fleischberg unverhofft am Eingang der Haspa (Hamburger Sparkasse / Mannesallee) vorbei lief um sich im Bereich Weimarer Straße / Mannesallee zu erleichtern und sich nebenbei nach möglichen Opfern umzuschauen. Dann konnte man nur noch die Flucht ergreifen und sich hinter der Eingangstür eines Wohnhauses in Sicherheit bringen, um dann die Bestie durch die sicheren Fenster der Tür mit Gänsehaut beobachten zu können. Natürlich blieb es nicht aus, dass man den Hund dann und wann reizte um sich konsequenterweise in ein gesichertes Treppenhaus zurück ziehen zu können, wenn er dann bellend und Furcht verbreitend anstürmte. Es ging das Gerücht, dass dieser Hund irgendwann erschossen worden ist.


Wilhelmsburger Kinos in den 60er Jahren

von M. Peters 2008

Ich kann mich erinnern, dass es in den 60er Jahren 4 Kinos im Zentrum  Wilhelmsburgs gab: das Astoria, die Filmburg, das Monopol und das Rialto. 

Das Rialto am Vogelhüttendeich hatte den schlechtesten Ruf, weil sich dort des öfteren „Rocker“ austobten (besonders in der Phase, als die Rock & Roll-Ära langsam zu Ende ging und irgendwann die Beatles aufkamen). Man sagte, dass diese „Rocker“ von Zeit zu Zeit das hölzerne Gestühl des Kinos „auseinander genommen“ hätten. Deswegen wagte ich mich nur bei ganz besonderen Filmen dorthin, zumal diese Ecke nicht zu meinem Umfeld gehörte (natürlich altersabhängig).

 

Das Monopol  war ein zentral gelegenes Kino Ende Veringstraße / Ecke Vogelhüttendeich. Dort gab es meistens sehr interessante Filme, so dass meine Freunde und ich oft dort waren. An der rechten Ecke des Eingangs hing ein gelber PEZ-Automat, der von uns regelmäßig benutzt worden ist. Wie in anderen Kinos, wurde die Leinwand von einem schweren Vorhang verdeckt, der zu Beginn der Vorführung nach beiden Seiten geöffnet wurde. Das Publikum klatschte bei Beginn des Hauptfilmes. Vorher „musste“ man die Wochenschau ansehen. Werbung gab es noch nicht. Ob damals auch Eis und Süßigkeiten verkauft wurden, weiß ich nicht mehr.

 

Zum Astoria-Kino fällt mir noch ein, dass der Eingang irgendwie bergab ging, an beiden Seiten mit Filmplakat-Schaukästen bestückt. Später, in Rahmen des „Kinosterbens“, übernahm Aldi den Laden. Bei diesem unterirdischen Aldi war die Luft stets muffig und von allerlei schweren Düften geschwängert. Ins Gehirn prägte sich dann die Vorstellung, dass man bei Aldi irgendwie schwer Luft holen konnte... Heute ist Aldi natürlich moderner und irgendwie luftiger.

 

Es gab damals zwei Vorstellungen für Kinder: Eine mittags, eine andere nachmittags.

Einer meiner Freunde machte es ganz schlau: Seine beiden Großelternpaare wohnten in Wilhelmsburg. Jeden Samstag (oder auch vorher) klapperte er beide Pärchen ab und holte sich dort das Eintrittsgeld fürs Kino, einen gegen den anderen ausspielend. Wer ihm mehr gab, wurde als „Omi“ tituliert, wer weniger oder nichts gab, als „Oma“...

 


Konfirmandenunterricht

von M. Peters

März 2008

Der Konfirmandenunterricht bei Pastor Kollhoff war in den 60ern geprägt von normaler Langeweile. Kaum jemand folgte den Ausführungen des Pastors. Man wusste, dass eh jeder konfirmiert werden würde. Man musste nur das eine oder andere Textstück auswendig lernen und schon konnte man den zukünftigen Konfirmationsgeschenken gelassen entgegen sehen. Danals war der „Schnitt“ bei ca. 300 DM.

  Wir mussten für die Konfirmation eine gewisse Anzahl von Kirchbesuchen nachweisen. Dies geschah mit Hilfe eines kleinen Heftchens, in dem man für jeden Kirchbesuch einen Stempelabdruck am Eingang erhielt. Relativ schnell kamen einige Konfirmanden auf die Idee, nach „Abstempelung“ die Kirche durch einen Seitenausgang wieder zu verlassen, ohne dem Gottesdienst beigewohnt zu haben.

  Wer trotzdem dem Gottesdienst folgte, fand es in der kalten Jahreszeit witzig, sein Gesangbuch auf die Rohre der Heizung zu legen, so dass der Plastikeinband schmolz und einen gewissen Geruch verbreitete...

  Heute erscheinen alle diese „Streiche“ ehr makaber und total daneben. Immerhin sind aus uns trotzdem Menschen geworden, die sich christlich verhalten. Und man sieht, dass sich die Jugend immer irgendwie daneben benommen hat. Nicht nur heute.


Experimente

von M. Peters

März 2008

1967 war das Jahr der „chemischen Experimente“ am Gymnasium Wilhelmsburg.

Schüler der 12. Klasse hatten sich auf dem Gebiet der Explosivstoffe privat weitergebildet, um Silvester entsprechend „zu begehen“. Dazu waren natürlich entsprechende Versuche notwendig.

Das resultierte darin, dass man seine selbst gebastelten Feuerwerkskörper mit in die Schule brachte, begutachtete, und nach Unterrichtsschluss vor der Schule zu Vergleichszwecken hochgehen ließ, vor dem benachbarten Gebäude der Feuerwehr!

Niemand beschwerte sich damals über die regelmäßigen Explosionen nach Unterrichtsschluss. Heute wäre das undenkbar.

  Irgendwann hatte auch dieses Treiben sein Ende. Ich weiß nicht, ob es das Unglück eines Klassenkameraden war, dem sein Pulver in der Hosentasche durch Selbstentzündung hochging oder der Vorfall, bei dem ein Lehrer fast an den Rand des Wahnsinns getrieben wurde: Ein Schüler der 12. Klasse hatte den „ultimativen“ Sprengkörper mit in die Schule gebracht. Irgendwie war es ein mit Explosivstoff gefüllter Feuerzeuggasbehälter. In der Pause zündete jemand dieses dicke Ding, ein anderer warf es aus dem Fenster. Zufälligerweise ging ein Lehrer zum Parkplatz. Genau als er vor dem Fenster vorbeiging, flog das „dicke Ding“ aus dem Fenster.  Es sollte auf dem Sportplatz landen, rollte aber am Tribünen-Wall zur Straße hinunter und explodierte neben dem Lehrer.

Folge: Unbeschreiblicher Aufstand, Verhöre und Untersuchungen, die in mehreren angedrohten Schulverweisen resultierten, die vor der Schulversammlung in der Aula verkündet wurden. Unsere Chemielehrer mögen möglicherweise einen gewissen Respekt gehabt haben angesichts derartiger chemischer Kenntnisse.


Wilhelmsburger Spiele in den 60ern

 von M. Peters

März 2008

Damals, zwischen Ende der 50er und Anfang der 60er, spielte man noch „auf der Straße“. Das heißt, dass man sich regelmäßig nach der Schule „vor der Tür“ bzw.  „auf der Straße“ traf, um die Freizeit gemeinsam zu verbringen. Immer zwischen dem Mittagessen und dem Kaffeetrinken (was von vielen Familien strikt eingehalten wurde, mit Kuchen).

  Was spielte man? Immer gemeinschaftlich „Indianer“ oder „Ritter“, mit selbstgebastelten Schwertern und Schilden, Kinder aus anderen Straßen gefangen nehmend, manchmal selbst von anderen Banden gekidnappt und an Wäschepfählen angebunden. Sozusagen Straßenkämpfe, allerdings ohne Blutfluss.

Man verwendete viel Zeit und Energie zur Herstellung schön bemalter Schilde, Dolche und sonstiger Rüstungen.

  Wenn man nicht auf alte Obstbäume (auch in der Weimarer Straße) kletterte (und manchmal herunter fiel) oder Molche (!) in Bombentrichter-Teichen fing, ließ man seine Fernlenkautos auf dem Bürgersteig laufen oder spielte mit Murmeln. Dabei grub man sich im Sand an den Bürgersteigen kleine Gruben, in die die Murmeln hinein laufen konnten. Wer Glasmurmeln hatte, oder gar Murmeln aus Stahl, war König. Die waren wesentlich mehr Wert als die normalen Murmeln aus glasiertem Ton.

Kreisel, die man mit einer Peitsche aus Stöckchen und Bindfäden antrieb, waren auch ein beliebtes Spiel, ganz zu schweigen von den Hula-Hoop-Kunststücken, die damals fast die Hüften verrenkten.

Beliebt war auch „verstecken“: Jemand musste bis soundso zählen, bis sich alle in der näheren Umgebung versteckt hatten. Dann ging die Suche los. „Reise nach Jerusalem“ wurde auch gern gespielt: Der Spielführer konnte nach Belieben jeden Teilnehmer vorwärts oder zurück bewegen. Dabei gab es natürlich oft Streit, weil der Spielführer oft jemanden ungerecht bevorzugte.

  Mit zunehmendem Alter ging man dazu über, im Keller oder in Wohnungen zu spielen. Lego, Wikingautos und Plastikpanzer waren nun angesagt. Man baute Miniaturlandschaften auf Tischen und bekriegte sich mit Minipanzern.

  Als „die Säfte stiegen“, verzog man sich Mitte der 60er zu intimen Spielchen ins Innere der Wohnungen und Keller... So kamen sich Mädchen und Jungen näher, auch ohne „Aufklärung“ seitens der Erwachsenen. Alles geschah ohne Wissen der Alten, deren Betten zur Verfügung standen, weil sie „auf Arbeit“ waren“. 


Ritterschänke

  von M. Peters

März 2008

Die „Ritterschänke“ war in den späten 60ern gemütlicher Treffpunkt meiner Klassenkameraden und unseres Klassernlehrers Herrn Arnold. Die Ritterschänke lag an der Einmündung Veringweg / Veringstraße.

  Regelmäßig trafen wir uns am eingerichteten Stammtisch. Bier floss nicht in Strömen, aber doch stetig. Irgendwie regelmäßig bestellte man den „rostigen Nagel“, eine rötliche Mischung aus Korn und Tabasco. Den musste man „auf Ex“ kippen. Ich tat das nie, und hatte so immer noch etwas im Glas, für weitere Rachenquälereien.

Das Dortmunder Ritter Bier schmeckte wirklich gut; schade dass heutzutage diese alten Brauereien von überregionalen Firmen übernommen worden sind.


60er Gerüche

  von M. Peters

März 2008

Wenn man in den 50ern und 60ern durch die Veringstraße ging, zwischen alter Bücherhalle und katholischer Kirche, umfing einen eine wirklich eklige Atemluft. Die kroch in die aufgehängte Wäsche, in „frisch“ gelüftete Wohnräume, in  alle atmenden Lungen.

Man kann diesen Gestank nicht beschreiben. So muss es in der Hölle riechen!

Es war wie eine Mischung aus alten Socken von Kriegsgefangenen, vergammeltem Fleisch und nassen Tapeten.

  Niemand beschwerte sich damals. Man nahm den Gestank als irgendwie gegeben hin. Offenbar wurde dieses eklige Gebräu nachts an die Umwelt abgegeben, eklige Tanks aus irgendwelchen geheimen Schloten entleerend.

  Als ich Ende der 60er als Briefträger unterwegs war, hatte ich auch einmal die Tour „Industriestraße“, wobei ich alle dortigen Betriebe zu versorgen hatte. Dabei fand ich „so nebenbei“ auch die Quelle des Gestanks heraus, wenn auch etwas spät. Diese eklige Geruchsbelästigung stammte von einem Betrieb, der Kadaver verarbeitete. Zu welchem Produkt ist mir noch heute unbekannt. Damals war es offenbar noch möglich, die Ventile nachts zu öffnen, um die

Abgase der Ekeltanks los zu werden.

Der Betrieb war sowas von widerlich, dass ich als Briefträger immer alle Nerven zusammen reißen musste, um mich am fettigen, stinkigen Treppengeländer der Fabrik „zum Büro“ empor zu hangeln.

Heute wird sicher nichts mehr von diesen Zuständen vorhanden sein. Man ist hoffentlich umweltbewusster, geruchsempfindlicher, sensibler geworden.


Vogelhüttendeich

  von M. Peters

März 2008

 

Für uns in der Weimarer Straße war der Vogelhüttendeich ab der Pubertät immer der

„Vögelnuttendeich“. Warum, weiß ich nicht mehr.

  Vielleicht, weil es im Vogelhüttendeich die dichteste Kneipendichte in Wilhelmsburg gab. Vielleicht, weil es an der Ecke Harburger Chaussee / Georg-Wilhelm-Str. ein ungepflegtes Naturgebiet gab, in dem angeblich Rocker ihren Eroberungen in der Dunkelheit „näher kamen“. Vielleicht auch, weil im Vogelhüttendeich Leute wohnten, die sozial eher „schwach gestellt“ waren.

  Auf jeden Fall war es immer sehr aufregend, sich im westlichen Bereich des Vogelhüttendeiches zu bewegen, besonders in der Dämmerung, wenn sich die Rocker vor dem Rialto-Kino versammelten.

  Der Vogelhüttendeich war sicher DIE typische wilhelmsburger Straße, bewohnt von allen möglichen Typen. Reich an Kneipen, Handwerkern, Geschäften und typischen Wohnhäusern aus der Jahrhundertwende (mit Gemeinschafts-Klo für alle Familien einer Etage).

Ich kann mich noch erinnern an eine Bäckerei, einen Weinhandel mit Flaschenlager im Hof, eine Drogerie, einen Ford-Händler und etliche Kneipen.


Als eifriger Kinogänger in meiner Jugendzeit kann ich Ihnen vielleicht mit einigen Erinnerungen helfen: Beginnen möchte ich mit dem Bahnhofskino, Thielenstraße 3, gegenüber dem ehemaligen Bahnhof; heute ist dort, wo der Eingang war, eine Gaststätte. 1945 wurde das Kino zerbombt; es wurde später als Kirchdorfer Lichtspiele im Saal des Gasthauses Sohre in Kirchdorf wieder eröffnet. Das Kino wurde von der Familie Holthusen betrieben, die in der Wittestraße wohnte.

Die Astoria-Lichtspiele in der Fährstraße waren eine Neueröffnung nach der Währungsreform.

Das Rialto-Kino am Vogelhüttendeich gibt es, so lange ich denken kann, an der gleichen Stelle, leider ist es aber schon lange geschlossen.

Gegenüber dem Stübenplatz an der Veringstraße war das Monopol-Theater. Auch dieses Kino wurde im Krieg ausgebombt; es wurde von der Familie Schallenmüller, die auch schon das .Monopol. betrieb, als Insel-Lichtspiele im Saal der Gaststätte Holsteinischer Hof von Familie Steer, an der Ecke Gerorg-Wilhelm-Straße / Ziegelerstraße wiedereröffnet.

Das vornehmste Kino in Wilhelmsburg war die Filmburg, mit einem gediegenen Foyer, Logen im 1. Rang und grünen Polstersitzen. Besitzer war die Familie Renzie Hausen. Das Haus überstand den Krieg. Im Winter 1945/46 fanden Matineen statt; zweimal gastierte hier Juan Llossas und auch Arthur Reis, der .singende Schauermann.

Das Kino Luna ist mir nicht bekannt, und auch an das Neuhöfer Kino habe ich keine Erinnerung.

Die Georgswerder Filmbühne wurde nach der Zerstörung der Röhrendamm-Kinos (1943) von einem der Eigentümer im Saal des Gasthauses Gerdts, Niedergeorgswerder Deich 18, eingerichtet. Geschäftsführer war Herr Siegert.

Die Lichtburg Veddel wurde nach der Zerstörung in den Großangriffen in der Aula der Schule Slomanstieg eingerichtet.

Meine Freunde und ich waren, so weit damals möglich, eifrige Kinogänger. Es war ja zu jener tristen Zeit nahezu das einzige Vergnügen. Auch nach Kriegsende war Kino alles! Dienstags und Freitags wechselte das Programm. Marika Roekk, Johannes Heesters und viele mehr flimmerten über die Leinwand. Auch die klassichen Filme aus Hollywood durften wir nun sehen: Marlene Dietrich, Cary Grant usw.

Zu meiner Person: Ich bin reichlich 73 Jahre alt und lebe seit meiner Geburt sehr bewusst in unserem nun geschundenen und verrufenen Stadtteil. Es gab trotz Not und Zerstörung der Nachkriegsjahre schöne Zeiten hier.

Otto Lohmann, Wilhelmsburg

An Sonntagen in den 30er-Jahren durften wir Kinder aus dem ländlichen Gebiet ins Kino an der Thielenstraße am Bahnhof gehen. Zur Vorstellung um 14.30 Uhr eilten die Kinder von überall herbei. In den Kinosaal führte eine Treppe hinunter. Die Sitze waren ungepolstert, und an den Wänden hingen Bilder von Filmschauspielern. Leider wurden diese selten gewechselt und sahen oft nicht mehr schön aus. Am Kinoeingang gab es zwei Programm-Kästen mit der Vorschau auf die nächste Woche, jeweils mit 12 bis 14 Fotos darin. Ich denke, dass etwa 300 Besucher im Kino Platz hatten.

Die Filmburg in der Veringstraße habe ich auch einmal besucht. Dort gab es immer Alterskontrollen, und ich war so ängstlich... Ich kann mich noch an den Kinderstar Shirley Temple entsinnen, und auch an Die Frau meiner Träume mit Marika Roekk, an Das weiße Rössel am Wolfgangsee. Es wurden damals viele Heimatfilme gezeigt.

Ursula Mohncke

Ein weiterer Brief kam von unserem Leser Gerhard Pump, Ex-Wilhelmsburger, der inzwischen in Altona wohnt:

Als ich mich bei einigen noch älteren Leuten umgehört habe, konnte sich jemand erinnern, dass die Bahnhofs-Lichtspiele 300 Sitzplätze gehabt haben sollen. Der Betreiber des Kinos vor Holthusen hieß Schütt oder Schütte oder so ähnlich. Als Vorführer fungierte eine Zeit lang Karl Gutknecht. Anfang des 2. Weltkriegs - ich war 15 Jahre alt gab es den Film .Kora Terry., ein Revuefilm, in dem Marika Rökk tanzt und steppt, aber vor allem das Lied Für eine Nacht voller Seligkeit, da geb ich alles hin. singt! Den musste ich sehen! Doch was tun? So etwas war damals nicht jugendfrei und die Kontrolle durch die HJ-Streifen rigoros. Also habe ich versucht, mit meinem Milchgesicht älter zu werden und zwar mit einem angeklebten Bart unter der Nase. Als ich abends, als einer der letzten Besucher, mit hochgeschlagenem Mantelkragen und in die Stirn gezogenem Hut die Kinokarte kaufte, schaute mich Frau Holthusen ganz entgeistert an, fragte aber nicht nach dem Alter und ließ mich in den bereits dunklen Saal. Ach was war ich selig und Marika Rökk war wirklich frivol - in meinen Augen! Als ich dann nach Hause kam, empfing mich mein Vater mit den Worten: Frau Holthusen war hier und hat mir erzählt, wie Du ins Kino gekommen bist! (Zur Beruhigung hat er ihr aber verraten, dass er mir beim Bart ankleben geholfen hatte...) Andere haben den Film über den Schleichweg gesehen: Von den Waschräumen des Bierkellers

Wilhelmsburger Inselrundblick. Ausgabe 7/2002


Weimarer Straße 13

 von M. Peters

Februar 2015

Von 1950 bis 1972 meine Heimat. Damals eine sehr schöne, ruhige Wohngegend. Es gab sowohl Blocks als auch Einfamilienhäuser und einige Grundstücke, die kriegsbedingt brach lagen – voll mit Apfelbäumen, Büschen und Teichen.

Man konnte dort Ende der 1950er Jahre noch Molche fangen und auf verwilderten Bäumen klettern und sich den Arm brechen. Die Straße war mit Kopfsteinen gepflastert und die Kantsteine bestanden aus handgearbeiteten, langen Granitsteinen. Ecke Weimarer Str. – Mannesallee gab es zumindest eine Gaslaterne, die von uns Jungs ab und zu mal gelöscht wurde indem wir gegen den Pfahl traten.

 Ecke Weimarer Straße – Mannesallee bestand ein Teil des Fußweges aus Sand / Erde. Dort konnte man noch kleine Löcher graben für’s Spiel mit Murmeln. Als Kinder spielten wir täglich auf der Straße und in den Kellerräumen der Häuser Nr. 13  und 15. Ende der 1950er gab es im Keller des Hauses Nr. 13 zwei sehr große Öfen zur Warmwasser-Erzeugung. Ich war oft dort unten und konnte den Betrieb beobachten: Große Kohlenhaufen lagen an der Nordseite (Mannesallee). Der Hausmeister hatte die Aufgabe, die Kohlen regelmäßig  in die beiden Öfen zu schaufeln. Dass dabei die Hauskatze „Mohrle“ einmal mit in den Ofen flog, sei nur am Rande erwähnt. Sei es aus versehen oder aus Absicht – niemand wusste es.

Wenn man unten im Hausflur durch die Kellertür abstieg, kam man nach einigen Meter geradeaus durch eine zweite Tür auf den Hof. Man konnte rechts die Büroräume der HASPA sehen. Der Hof war mit hohen Mauern umsäumt. Zum Grundstück Weimarer Str. 17 war die Betonmauer oben sogar mit Glasscherben gegen Überklettern gesichert. Trotzdem kletterten wir drüber.

Vom Hof konnte man durch eine Kellertür ins Haus Nr. 15 gelangen. Dort gab es diverse Kellerräume, verschlossen mit Holztüren. Unser Kellerraum war auch dort. Im Keller, an der Weimarer Straße, gab es eine große, ehemalige Waschküche, die nicht genutzt wurde. Dort stand ein langer Tisch, auf dem wir Kinder unsere Modellautos und Modell-Panzer bewegten.

 In Haus Nr. 15 gab es damals eine Badeanstalt: Die Benutzer mussten rechts vom Haupteingang eine Treppe hinunter gehen und konnten sich dort in medizinischen Bädern behandeln lassen. Ich war nie dort unten.

In Nr. 13 gab es in den 1950ern eine Zahnarzt-Praxis im Erdgeschoss rechts unten. Ich weiß noch, dass mir der Zahnarzt eine Ohrfeige geben hat, weil ich meinen Mund nicht aufmachen wollte. So etwas vergisst man nie.

Der Boden des Treppenhauses bestand aus braunem Linoleum. Ich musste, als ich alt genug für meinen Vater war, diesen Boden von der 1. bis zur 2. Etage reinigen. Dazu musste ich erst einmal fegen, dann wischen, dann alles einwachsen und dann, nach einiger Trockenzeit, mit unserem elektrischen, schweren Bohnerbesen bohnern. Ätzend!

 Ganz oben, letzte Etage, gab es in der Dachwohnung einige kleine Türchen in der Dachschräge. So konnte man vom allgemeinen Dachboden durch ein Türchen zu den Wohnräumen der benachbarten Wohnung gelangen. Das haben wir Kinder aber nicht oft ausprobiert…

 Insgesamt kann ich sagen, dass die Weimarer Straße damals ein Eldorado für Kinder und Heranwachsende war. Alles war unmittelbar zu erreichen: Bäcker, Schlachter, Milchmann, Gemüsehändler Kinos, Bücherhalle, Spielzeugladen, Eiscafe Ritana, Fahrradladen, Briefmarkenladen, Kirche, Ärzte, Apotheke, Optiker Kranaster, Post, Bank usw.


von

Joachim Rogalski

Über mich:

Bin, wie viele andere auch, im Harburger Krankenhaus Am Irrgarten zur Welt gekommen. Da ich noch klein war, brauchte auch die Wohnung nicht so groß zu sein. Ein Zimmer zur Untermiete (Hamburg-Wilhelmsburg, Georg-Wilhelm-Str. 209). Doch schon nach kurzer Zeit konnten wir uns vergrößern: Zwei Zimmer zur Untermiete im nächsten Hausaufgang bei Frl. Fielmann. Ein Raum war zum Schlafen und nachdem ich mit der Zeit größer wurde, musste bei meinem Kinderbett  ein Stück für die Füße/Beine ausgesägt werden. Auf dem Hof dieses Mietshauses konnten wir wunderbar spielen und es gab auch überwiegend keine Schwierigkeiten wegen der Altersunterschiede. Jedoch, wenn der Hausmeister von der Arbeit kam, mussten wir viel, viel leiser sein. Großen Raum für alle möglichen Aktivitäten hatten wir auch an der Trettaustr. im Bereich der jetzigen Kühlhausanlage. Auf diesem Gelände waren früher Kleingärten, teils mit Behelfshäusern, dies lag einige Zeit brach und wir konnten uns in dieser Wildnis wunderbar aufhalten und so manchen Unsinn verzapfen.

1.

                     Ich - mittendrin, die anderen kenne ich namentlich nicht. Im Hintergrund (Mitte) das Schulgebäude Licht Liebe Leben

Eines nachmittags:

Die Frühschicht meines Vaters begann um 06.00 Uhr und entsprechend früh war er auch wieder daheim. Bei schönem Wetter im Sommer ging es dann zum Baden. Nicht in die Badeanstalt, sondern zum Reiherstiegkanal. Wir nannten die Badebucht "Heitsche". Wo der Ausdruck herstammt - keine Ahnung !

Das wir losgingen bzw. mit dem Fahrrad fuhren, sprach sich sehr schnell herum und wir hatten meist Begleitung. Die Trettaustr. hoch, vorbei an der Spedition Rögels, dem Wohnhaus "Langes Handtuch", bei der Plange-Villa dann links entlang. Hinter dem parkähnlichen Garten der Plange-Villa an den Reiherstiegkanal. Rechts ging es steil herunter zum Wasser und links waren Kleingärten, die teilweise auch bewohnt waren. Zur Badebucht mussten wir  einen Trampelpfad hinunter gehen. Je nach Ebbe oder Flut konnte man in der Bucht baden bzw. musste bis an die Fahrrinne gehen, was nicht ungefährlich war. Auf der anderen Seite des Kanals war das Gebiet Hohe Schaar. Aufgespülte Sandberge konnte man wunderbar erklimmen und wieder runterspringen.
Auch in unserer Badebucht nutzten wir den Sand zum Burgen bauen, Fußballspielen usw. Interessant war auch, wenn die Flut langsam alles mit Wasser wegspülte. Die Zeit ging immer viel zu schnell zu Ende. Auf dem Heimweg wurde manchmal aus dem Milchladen Brand, er war vor der Plangemühle unten im Grund, eine kleine Stärkung gekauft. Eisenbahner, Amerikaner und Hanseaten schmeckten mir damals am besten.


2.

Ich mit Schwimmreifen - das Ventil hat mich damals sehr gestört - im Hintergrund das Gebiet "Hohe Schaar"

Abbildung 1.-2. von Joachim Rogalski steht unter einer Creative Commons Namensnennung-Keine kommerzielle Nutzung-Keine Bearbeitung 3.0 Deutschland Lizenz.


Von Ulrich Klocke "Godot war hier"

Erschienen bei BoD

Sentimental Journey
Ich bin neulich mal wieder hier in Wilhelmsburg gewesen. Den Stadtteil, in dem ich ab 1963 einen großen Teil meiner Kindheit und Jugend verbracht habe. Ich bin immer wieder geschockt, wenn ich sehe, wie mein ehemaliges Bahnhofsviertel an der Thielenstraße heruntergekommen ist. Die Bahnarbeiter verließen Ende der siebziger Jahre allmählich das natürlich gewachsene Viertel, weil in Maschen Europas größter Rangierbahnhof entstanden ist und der Wilhelmsburger Verschiebebahnhof an Bedeutung verlor. Heute dient er nur noch zum Abstellen von Wagons und Lokomotiven. Das alte Bahnhofsgebäude an der Brücke Thielenstraße hatte nach dem Bau des neuen S- Bahnhofs am Wilhelm- Strauß- Weg ausgedient und wurde später abgerissen. Hier, wo früher der alte Bahnhof dem Viertel seinen Namen gab und der Rocker Colli mit seinen Mannes beim Eisenwarenhändler Panther an der Ecke rumlungerte, hatten ein Lebensmittelgeschäft, ein Supermarkt, zwei Bäcker, Zwei Drogerien, ein Fernsehhändler, besagter Eisenwarenladen und sogar ein Textil- und Gardinengeschäft ihr Auskommen. Und das Feierabendbier konnte man gemütlich in einer der beiden Kneipen genießen. Was ist davon geblieben? Der alte Bahnhof wurde abgerissen. Die Haspa- Filiale am Korallusring dem Erdboden gleichgemacht. Auf dem gerodeten Parkplatz der Sparkasse wuchert seit Jahren meterhoch das Unkraut. Der Supermarkt gegenüber verfällt. Die Thielenstraße, früher Hauptverbindungstrasse zwischen Bahnhof und Kirchdorf, verkehrsberuhigt. Die Straße „Bei der Windmühle“ Dreißigerzone. Seitdem der neue S- Bahnhof und das Einkaufscenter gebaut wurden, hat sich das Zentrum des Viertels in Richtung Krieterstraße verschoben. Dort, wo Hark Bohm 1976 den Film „Nordsee ist Mordsee“ drehte und die katholische Kirche wegen ihres skurrilen Turmes den Spitznahmen „Nonnenrutsche“ hat, ist in den siebziger Jahren der neue Mittelpunkt des Viertels entstanden. Das Bahnhofsviertel mit seinen ehemals vielen Einzelhandelsgeschäften hat dadurch arg gelitten.

Wir haben damals „Bei der Windmühle“ in einer der neuen Werkswohnungen der MAN gewohnt. Hinter unseren Häusern, das Gebiet zwischen der Jungnickelstrasse und der Neuenfelder Straße, rechts von den Bahngleisen begrenzt und links von den Siedlungshäusern „Im schönen Felde“, ist bis Anfang der siebziger Jahre Brachland gewesen. Gut einen halben Quadratkilometer groß. Wo heute Hochhäuser stehen und das Einkaufscenter, der S- Bahnhof und die Saga- Wohnungen, lagen nur große Feuchtwiesen, von Entwässerungsgräben, in Hamburg Weddern genannt, durchzogen. Bis auf einige Kleingärten war das Land ungenutzt. Für uns Kinder ein Paradies. Wir strolchten bei jedem Wetter und zu jeder Jahreszeit durch diese Botanik. Im Sommer lieferten Weidenbüsche Material für unsere Flitzbögen, mit denen wir auf Rebhuhnjagd gegangen sind. Natürlich hatten wir nie eins erwischt. Wenn so ein gut getarnter Vogel direkt vor uns aufflatterte war der Schreck meistens so groß, das er schon lange außer Reichweite unserer Pfeile war, bevor wir überhaupt reagieren konnten. Im Vertrauen, ich war immer heilfroh, wenn der Schuss danebenging. So richtig töten wollten wir ja nie. Es ging uns ja mehr um die Spannung. Um die Illusion der „Großwildjagd“. Aber wir waren immer sehr mutig. Holten wir uns doch ab und zu bei einem der Kleingärtner, der sich Puter hielt, unerlaubterweise Federn für unseren indianischen Kriegsschmuck. Wir durften uns bloß nicht erwischen lassen. Weder von dem Besitzer, noch von den Putern. Die waren nämlich furchterregend groß, die Puter. Reichten einem Zehnjährigen doch schon mal bis ans Kinn.
Im Frühjahr und Herbst schipperten wir auf selbstgezimmerten Flößen auf den übergelaufenen Weddern herum. Im Winter waren die für uns die idealen Glitschen. Oder wir holten uns bei Schmanns, dem A und O- Laden Bei der Windmühle, wo sich heute der Getränkemarkt befindet, alte Apfelsinenkisten. Mit denen ging es, auf mehrere Schlitten verteilt, bei Schnee und Eis querfeldein zur Polarexpedition. Geschützt vor den neugierigen Blicken der Erwachsenen machten wir hinter den Kleingärten aus den Kisten ein Lagerfeuer. Brieten uns Salamischeiben am Stock, die auf geheimnisvolle Weise irgendwie aus den Kühlschränken unserer Eltern verschwunden waren.

Im Sommer war ich auch oft bei den Ponys zu finden. Kurz vor der Feuerwache, auf dem Gebiet der heutigen Christoph- Cordes- Straße, war eine Koppel, auf der der Pächter Corny Konrad die Ponys seiner Kinder weiden ließ. Wenn Konrad Junior gute Laune hatte, durften wir auch mal reiten. Ohne Sattel natürlich. Wie das Indianer eben so machen.
Wilhelmsburg war für mich immer eine spannende Insel. Ob ich in den Auwäldern in Moorwerder rumstrolchte, verbotener Weise in der Süderelbe schwimmen ging, oder sonntags mit dem Fahrrad über den Freihafen durch den alten Elbtunnel zum Fischmarkt fuhr ,immer ist mir bewusst gewesen, dass ich in einem besonderen Stadtteil wohnte. Eben auf einer Insel. Der einzige Stadtteil Hamburgs, wo sich die Leute vor Beginn der Frühjahrsstürme Vorräte anlegten, damit sie im Falle einer Sturmflut versorgt sind. Besonders die Bewohner der ehemaligen Hermann- Göring- Siedlung horteten Lebensmittel in ihren Vorratsschränken im ersten Stock. Weit über der anzunehmenden Wasserlinie, denn die eigentliche Wohnung lag auf einem Sockelgeschoss. Das diente als Keller. Dann kam erst die Wohnung. Deshalb galten die alten Siedlungshäusern auch als Sturmflutsicher. Wilhelmsburg liegt im Schnitt nur einen Meter über Normal Null. Da das mittlere Hochwasser aber bei 2,2 Metern liegt, stände die Insel, theoretisch gesehen, zwei Mal am Tag unter Wasser. Wenn die Deiche nicht wären. Die sind mittlerweile stolze 7.90 Meter hoch und sollten auch dem stärksten Wasserdruck standhalten. Das war nicht immer so. Die Deiche bei der Sturmflut 1962 waren nicht nur niedriger und steiler, einer der Hauptursachen der sechzig Deichbrüche waren Bombenschäden aus dem zweiten Weltkrieg, die nur mit Bauschutt verfüllt waren.
Ich habe die andere Sturmflut, die von 1976, sehr bewusst miterlebt. Zum einen standen meine Freunde und ich nachmittags auf dem Moorwerder Hauptdeich und ließen uns das Elbwasser um die Füße plätschern, das die Deichkrone umschwappte. Ein wahrlich beeindruckendes Schauspiel. Die Norderelbe randvoll mit Wasser. Von Deichkrone zu Deichkrone. Man hatte ständig das Gefühl, der Deich wird gleich unter einem weggespült. Was uns aber nicht daran hindern sollte, abends in Kirchdorf eine Kellerfete abzuhalten. Zum anderen war einer aus unserer Clique unmittelbar betroffen von dieser Naturgewalt. Er wohnte in der Freiluftschule Moorwerder, in dem seine Mutter Verwalterin war. Was die wenigsten wissen, in der Nacht vom 2. zum 3. Januar brach der Nebendeich, der die Schule zur Elbe hin abschottet. Direkt am Anleger klaffte eine, mehr als zwanzig Meter breite, Lücke. Die ganze Familie unseres Freundes wurde noch in der Nacht mit dem Schlauchboot aus dem ersten Stock evakuiert. Der Hauptdeich hatte zum Glück Stand gehalten. Natürlich wollten wir damals wissen, wie es dort nach so einer Katastrophe in der Schule aussieht. Leider war dort der Zutritt wegen der Plünderungsgefahr polizeilich verboten, das Rolltor abgeschlossen und versiegelt. Die Busfahrer der Linie 155, die an der Endhaltestelle immer ihre Pausen machten, waren angehalten, die Polizei zu verständigen, wenn sie irgendwelche verdächtige Gestalten auf dem Gelände sichten sollten. Das sollte uns aber nicht davon abhalten, den Schaden mal genauer zu betrachten. Wir fuhren kurzerhand abends mit dem BMW eines Freundes vor, sprangen mit Taschenlampen bewaffnet aus dem Wagen, einer von uns lud im Laufen noch seine Schreckschusspistole durch, und wir flankten über das Rolltor. Der verdutzte Busfahrer dachte wohl an einen Polizeieinsatz. Das war ja auch der Sinn der Sache. Warum sollte er jetzt noch die Polizei benachrichtigen? Sie war ja anscheinend schon vor Ort.
Es war schon sehr gruslig dort, auf der Zufahrt zur Schule. In den Bäumen hingen Bettlaken, Stühle, Kissen. Alles Mögliche Treibgut hatte sich in den Zweigen verfangen. Man brauchte wirklich nicht sehr viel Fantasie, um sich vorzustellen, wie es 1962 war, als statt Bettlaken Ertrunkene in den Ästen der Bäume hingen. Die Freilichtschule schien äußerlich unversehrt. Doch ein Blick durch die Fenster ließ uns erschauern. Die nichttragenden Mauern im Gebäude waren weggespült. Die neue Großküche ein Trümmerhaufen. Überall Schlick und Morast in den Räumen. Im Deich klaffte ein riesiger Bruch. Ein ehemaliges Rettungsboot der DLRG, zur Stabilisierung halb mit Sand gefüllt, damit die Kinder sicher darin spielen konnten, lag gut hundert Meter von seinem angestammten Platz entfernt. Die ganze Szenerie wirkte in dem fahlen Mondlicht noch surrealistischer, als sie eh schon war.

Leider ist das alte, ländliche Wilhelmsburg, Richtung Kirchdorf, passé. Ist, wie alles einmal im Leben, Veränderungen unterworfen gewesen. Aber das nicht nur zum Schlechten hin. Der Bunker an der Veringstraße wird zum Kraftwerk umfunktioniert. Die Honigfabrik, das Bürgerhaus, eine große Schwimmhalle und jetzt das neue Schulzentrum an der Buddestraße, die IBA, die IGS, das Stiefkind Wilhelmsburg erwacht langsam aus seinem kulturellen Dornröschenschlaf. Irgendwann, in absehbarer Zeit, wird aus Wilhelmsburg wieder ein Stadtteil zum Wohlfühlen werden. Nicht mehr so verschlafen und idyllisch, wie ich es in Erinnerung habe, aber mit neuem Flair und alter Patina. Und wenn ich im Sommer ab und zu am Marktplatz an der Krieterstraße in einem der Straßencafés sitze und mir den multikulturellen Trubel um mich herum so ansehe, fühle ich mich hier wieder wohl. Denn Straßencafés hat es damals im alten Bahnhofsviertel leider nicht gegeben.

Ulrich Klocke©2017