Aus der Geschichte der Elbinsel Wilhelmsburg

von Rektor E. Reinstorf aus dem Jahre 1927

Trotzdem die Insel Wilhelmsburg als Marschland zu der jüngsten geologischen Erdschicht, dem Alluvium, gehört und ihre Kultur deshalb um viele Jahrtausende jünger ist als die der Geest, blickt sie doch auch bereits auf eine fast 600 jährige Geschichte zurück. Sie beginnt mit der ersten der bis heute noch klar nachweisbaren 15 bzw. 16 Einzeleindeichungen. Was vor dieser Zeit liegt, muß als Vorgeschichte bezeichnet werden. Dahin gehört die allmähliche Aufschwemmung unseres Eilandes durch die Elbe und die Benutzung dieser schilfumsäumten, grasreichen Insel durch die Umwohnenden. Die sehr spärlichen Aufschlüsse über diese Zeit können wir nur aus den Bohrprofilen unserer Tiefwasserbrunnen und vereinzelten unsicheren geschichtlichen Nachrichten schöpfen. Was die ersten anlangt, so zeigen sie von oben nach unten folgende Erdschichten: Auf die etwa 1,5 Meter dicke Ackerbodenschicht, die aus Ton, Sand und Humus besteht, folgt eine ebenso starke Ton- oder Kleischicht, aus der die Ziegeleien in Georgswerder den Lehm nehmen. Unter dem Ton finden wir eine moorige Schicht von 3 Metern. Sie besteht hauptsächlich aus Reth, Holz und anderen Pflanzenstoffen. Sie ist die Ursache davon, daß bei Häuserbauten auf der Insel gerammt werden muß. Nur auf Großsand bei der Alten Schleuse fehlt die Moorschicht. Unter dieser folgen weitere, diesmal 80 Meter dicke Sand- und Tonschichten, bis man schließlich auf den diluvialen Boden stößt, auf dem auch Hamburg und Harburg liegen. Aus diesem bekommen wir unser Trinkwasser.

Zu den erwähnten unsicheren vorgeschichtlichen Nachrichten gehört die Kunde von einer großen Insel, die hier gelegen haben und zu der auch Finkenwerder, Altenwerder, Neuhof und Moorwerder gehört haben sollen. Diese muß dann später, etwa durch eine riesige Sturmflut, zertrümmert worden sein.

Mit dem Jahre 1333 tritt unsere Insel in die Geschichte ein. Mit diesem Zeitpunkt schlossen nämlich Mitglieder des hier begüterten adligen Geschlechts der Schaken mit Einwohnern des Ortes Ochsenwerder einen Vertrag ab, dahingehend, daß diese einen Teil der hier gelegenen Insel Stillhorn eindeichen sollten. Das so gewonnene Land wollten die Schaken dann den Deichern gegen eine mäßige jährliche Abgabe als Eigentum überlassen.

Die Eindeichung selbst ging so vor sich, daß man den Teil unserer Insel, der Ochsenwerder am nächsten liegt, und jetzt noch das Alte Feld heißt, rund herum mit einem Deiche umschloß und zwar so, daß der Länge nach ein alter Elbarm zwecks Abwässerung (Wettern) mit hinein genommen wurde. Wo derselbe an beiden Enden durch den Deich ging, wurde er mittels Schleusen abgesperrt. Das eingedeichte Land teilte man durch Gräben in lange Stücke, welche die Wettern im rechten Winkel überschnitten. Auf dem Ende, wo dieselben an die Süderelbe stießen, baute man das Wohnhaus.

Etwa 30 Jahre nach dieser ersten Eindeichung erwarben die Groten, ebenfalls ein Lüneburger Adelsgeschlecht, das unter anderem auch bereits in Georgswerder und Rotehaus begütert war, noch die Insel Stillhorn von den Schaken. Sie setzten die von diesen begonnene Eindeichung fort. Sie fingen jedoch auf dem entgegengesetzten Ende Stillhorns an zu deichen. Dieses Land wurde, da es von dem Alten Felde noch durch ein unbedeichtes Gelände getrennt war, deshalb auf "Jener Seite" genannt. Die Bedingungen, unter denen man deichte, waren hier wieder ähnlich wie im Alten Felde. Später schloß man auch, was ja jetzt leicht möglich war, das zwischen den beiden bisher mit Deichen umgebenen Teilen belegende Land durch Deiche, welche man an beiden Enden einlegte (Einlagedeiche) ab, und so hatte man ein drittes Stück Kulturland, das sog. Siedefeld gewonnen (1368).

Im Jahre 1372 wurde das neue Feld (so genannt im Gegensatz zum Alten Feld) bedeicht, welches jetzt vom Neuenfelder Weg, der Dratelnstraße und dem Brackweg umschlossen wird, sowie 1374 der Deich um Finkenriek, der jetzt am Alte Deich und Finkenrieker Weg heißt, hergestellt.

Die treibende Kraft für die letzten vier Eindeichungen in Stillhorn scheint Otto VI. Grote gewesen zu sein, da sein Name in den in Betracht kommenden Urkunden an erster Stelle steht. Etwa 120 Jahr später (1491) wurde endlich noch das letzte Stück Stillhorns, das Schönefeld, eingedeicht, indem man auch vom Steindamm an über die jetzige Schönenfelder-, Thielen- u. Dratelnstraße bis zum Neuenfelder Weg einen Deich baute. Ausgeführt wurde die Arbeit durch hier ansässige Leute. Alles so dem Wasser abgewonnene Land bekamen, wie beim Alten Felde, die Deicher gegen eine mäßige jährliche Abgabe zu eigen.

Damit die Deiche imstand gehalten würden, war schon 1374 bei der Bedeichung von Finkenriek bestimmt worden, daß Deichgeschworene eingesetzt werden sollten; diese mußten "schauen auf den Spaten" und jeden anzeigen, der seine ihm zugeteilte Deichstrecke vernachlässigte. In ungefähr 500 Jahren war Wilhelmsburg dem Wasser abgewonnen worden. Was man aber gewonnen hatte, das mußte man auch gegen das Wasser verteidigen, und so entstand durch die Jahrhunderte hindurch ein langwieriger Kampf um die Deiche, der um so erbitterter sein mußte, je mehr das Flußbett eingeengt wurde. Die vielen Bracks und Brackstellen, welche auf unserer Insel noch vorhanden sind, sind beredte Zeugen von diesem Kampfe.

Die letzten großen Deichbrüche auf Wilhelmsburg waren im Jahre 1855. Bereits vom 31.Dezember zum 1.Januar waren Sturmfluten gewesen, aber glücklich vorübergegangen. Da kam in der folgenden Nacht eine besonders hohe. Das Wasser stieg höher als die Deiche waren, so daß alle menschlichen Anstrengungen umsonst waren. Es entstanden zwei Deichbrüche, einer im Sperlsdeich und einer in Götjensort. Zwei Wohnhäuser wurden ganz und viele teilweise zerstört. In dem einen ertranken vier erwachsene Menschen. Ganz Wilhelmsburg stand unter Wasser. Als bald darauf Frostwetter eintrat, bildete die ganze Insel eine große Eisfläche. Erst im März verlief sich das Wasser wieder. Der Sperlsdeich zeigt noch heute in einer großen Biegung eine tiefe Brackstelle.

In den letzten Jahrzehnten sind die Außendeiche so verstärkt und nach außen abgeschrägt worden, daß ein Deichbruch nicht so leicht mehr möglich ist. Auch sind von Preußen und Hamburg Eisbrecher eingestellt worden, die das Eis, wenn Tauwetter eintritt, zerstören, daß es beim treiben den Deichen nicht mehr gefährlich wird. Seit 1855 ist deshalb auf Wilhelmsburg auch kein Deichbruch mehr vorgekommen, und da mit der fortschreitenden Bebauung die Insel nach und nach auf Deichhöhe aufgeschüttet werden wird, vermindert sich die Wassergefahr noch immer mehr.

Nachdem wir uns bisher der Frage des allmählichen Werdens der Insel und ihrem Schutze gegen das Wasser beschäftigt haben, wollen wir jetzt sehen, wem Wilhelmsburg gehörte.

Zuerst war die Insel offenbar Eigentum des Erzbischofs von Hamburg, von dem sie im Jahre 1158 bei Gelegenheit der Stiftung des Bistums Ratzeburg an Heinrich dem Löwen abgetreten wurde. Stillhorn war später im Besitze der Grafen von Schaumburg, die in Holstein saßen, und denen auch Hamburg gehörte. Den nördlichen Teil der Insel besaß dagegen der Herzog von Lüneburg. Der erstere belehnte dann mit Stillhorn das adelige Geschlecht der Schaken und der letztere mit ihrem hiesigen Besitztum der Groten. In den Jahren 1361 und 1367 erwarben diese durch Kauf auch Stillhorn. Dadurch wurden sie auch Lehnsleute der Grafen von Schaumburg. So hatte Stillhorn, Rotehaus und Georgswerder einen Herren, die Groten aber zwei Ober- und Lehnsherren, nämlich über den Teil, der dem Lüneburger Lande am nächsten lag (Stillhorn), die Grafen von Schaumburg in Holstein, und über den Teil, der Holstein am nächsten lag (Rotehaus und Georgswerder), den Herzog von Lüneburg. Aus diesem Lehnsverhältnis entstanden schwere Verwicklungen, die ihren Ausgang nahmen von dem Streit der Bauern mit den Groten um die Weide in Georgswerder. Erst unter Herzog Christian gab der Graf von Holstein nach längeren Verhandlungen zu (21.November 1613)," daß Otto Grote als ein Lehnsmann bei dem Stillhorn bleiben könne, jedoch so, daß Otto Grote dieses für eine große Gnade erkenne".

Herzog Georg Wilhelm und seine Gemahlin geb. Eleonore d' Olbreuse

Ahnentafel von Hans Wienberg für dieWilhelmsburger Zeitung, erschien am 25.Mai 1965

Ob der Herzog Georg Wilhelm von Celle, nachdem er die Insel erworben und nach sich benannt hatte, auch einmal nach Wilhelmsburg gekommen ist, läßt sich nicht mehr feststellen. Seine Gemahlin Eleonore d'Olbreuse und seine Tochter Sophie Dorothea haben hier einmal drei Tage lang geweilt, wie aus den uns erhaltenen Geldregistern, in denen die Ausgaben dafür aufgezeichnet sind, hervorgeht.

Da sich Sophie Dorothea später mit dem Kurprinzen von Hannover und späterem Könige von England Georg I. verheiratete, wurden ihre Nachkommen Prinzen und deshalb nicht Grafen von Wilhelmsburg.

Nach dem Tode Georg Wilhelms fiel die Insel an das Haus Hannover und wurde infolgedessen in ein Amt verwandelt. Das Amt bestand bis 1859. Dann wurde es mit Harburg vereinigt.

Die Amtsgebäude mit dem Garten wurden im Jahre 1865 an die Kirche und Schule verkauft und werden noch heute zur Kirchhofs- und Schulzwecken verwandt. Später ging das Grundstück in den Besitz der Gemeinde (Stadt) Wilhelmsburg über.

Man sollte meinen, daß Wilhelmsburg, da es eine Insel ist, von Kampf und Streit mit Auswärtigen verschont geblieben sei, dem ist jedoch durchaus nicht so. Nicht bloß im Lande, sondern auch auf der es umgebenden Elbe tobte oft der heftigste Kampf. Bei letzterem handelte es sich einmal um die Herrschaft auf dem Strom und zum anderen um den Besitz des tiefen Wassers. Auf der Unterelbe besitzt seit alter Zeit die Stadt Hamburg die Herrschaft. Sie wurde ihr verliehen durch einen Freibrief des Kaisers Barbarossa, dessen Anfang lautet:

"Wir, Friedrich, von Gottes Gnaden, Kaiser der Römer und allzeit Mehrer des Reichs, tun hiermit allen, die jetzt oder künftig leben, kund und zu wissen, daß wir auf die Bitte unseres lieben und getreuen Grafen Adolf von Schaumburg seinen Bürgern, die in Hamburg wohnen, gewähren und zugestehen, mit ihren Schiffen, Waren und Leute vom Meer bis an besagte Stadt frei von allem Zoll und aller Ungeldforderung hin und zurück zu verkehren."

Auf Grund dieses Freibriefes beanspruchte Hamburg die Herrschaft auf Unter- und Oberelbe. Um zu erreichen, daß die Schiffe in Hamburg ihre Waren niederlegten, erbaute die Stadt schon 1250 eine Zollstätte an dem Fluß. Im Jahre 1337 sperrte es auch in Moorburg den Strom durch eine Zollschranke. 1395 erwarb es Ochsenwerder- und Moorwerder und dadurch die Beherrschung über den Eingang in die Norderelbe. Immer mehr suchte Hamburg dem Herzog von Lüneburg die Herrschaft über die Elbe um Wilhelmsburg herum zu entwinden. Sogar in der Nähe des Harburger Schlosses legte es Schiffe und verklagte ihn beim Reichskammergericht. Einmal (1566) kam es sogar zu Blutvergießen, und zwar wegen der Leiche eines Ertrunkenen, die sowohl die eine, als auch die andere Partei beanspruchte, weil nur der sie begraben durfte dem das Wasser gehörte. Infolge der steigenden Erbitterung wurden immer mehr Prozesse angestrengt. Auch eine Vergleichsverhandlung in Altenwerder im Jahre 1573, zu der der Herzog von Harburg in eigener Person erschienen war, verlief ergebnislos. Endlich, im Jahre 1611 kam ein Vertrag zustande. In demselben versprach Hamburg sich fernerer Angriffe zu enthalten. Dadurch sollte ihm der Reiherstieg für seine Schiffe überlassen werden. Aber auch dieser Vertrag wurde für die Folgezeit von Hamburg wenig beachtet. Im Jahre 1619 kam endlich das Reichskammergericht dazu, ein Urteil zu fällen. Es bestimmte, daß Hamburg die freie Schifffahrt auf der Süderelbe nicht hindern dürfe. Aber auch dieses Urteil stand nur auf dem Papier. Erst als der Herzog von Lüneburg sich mit Brandenburg verbündete und beide auf Hamburg einwirkten, ging die Alleinherrschaft Hamburgs über die Süderelbe allmählich zu Ende. Mit dem Kampf um die Herrschaft über die Elbe ging ein solcher um das tiefe Wasser Hand in Hand. Die Elbe floß früher in zwei großen Armen durch die Vierlande. Noch mehr Wasser nahm- im Gegensatz zu heute- seinen Weg durch die Süderelbe. Diese bildete damals den Hauptlauf der Elbe. Hamburg suchte nun die ihm gehörigen Vierlande zu schützen und deichte zu dem Zwecke die durch dasselbe hindurchfließende Gose- und Dove-Elbe ab. Damit war jedoch der Lüneburger Herzog nicht zufrieden, weil nun am Südufer der Elbe Abspülungen entstanden. Es entspann sich nun ein Streit um den sog. Gammerdeich, der ungefähr 150 Jahre dauerte. Schließlich setzten die Hamburger trotz Reichskammergericht und Kaiser ihren Willen durch. In dieser Lage griff der Herzog von Lüneburg zur Selbsthilfe. Er schickte im Jahre 1620 Reiter und Fußvolk über die Elbe und ließ den Gammerdeich wieder aufreißen. .."Vier Wochen lang hausten die Lüneburger da und raubten und plünderten die Bewohner erschrecklich." Als aber der Deich wieder geöffnet war, stellte es sich heraus, daß das Wasser seinen alten Lauf nicht wieder verfolgte, sondern den neuen beibehielt, so daß alle Mühe der Lüneburger vergeblich gewesen war und Hamburg doch seinen Willen bekam. Hamburg suchte aber nicht nur das Wasser aus den Vierlanden fernzuhalten, sondern auch den tiefen Elblauf zu sich heranzuziehen. Hamburg lag nämlich ursprünglich nicht an der Elbe, sondern etwa drei Kilometer von derselben entfernt an der Alster. Südlich von der Stadt lag eine große Halbinsel. Um diese floß die Elbe in einem weiten Bogen, etwa in der Nähe des jetzigen Hornatsdeiches, herum. Da wurde die Halbinsel durch Sturmfluten zerrissen, so daß mehrere neue Elbarme entstanden. Die Süderelbe versandete dagegen immer mehr. Im Jahre 1570 wurde die Elbe bei Spadenland begradigt, wodurch der Weg des Wassers in die Norderelbe ein bedeutend kürzerer wurde. Im Jahre 1604 durchstach Hamburg den Grasbrook und verkürzte dadurch den Lauf der Norderelbe wieder um eine bedeutende Strecke. Der alte Elbarm am Hornatsdeich versandete infolgedessen fast ganz. Als Hamburg dann im Jahre 1878 die Elbe auch noch im Südwesten um Kaltehofe herumleitete, hatte es dieselbe vollständig an die Stadt herangezogen. Die Süderelbe war immer wasserarmer und flacher geworden. Selbstverständlich versuchte der Herzog von Lüneburg alles, diesen Nachteil von seinem Lande abzuwenden. Im Jahre 1564 rammten die Groten sogar Pfähle in die Norderelbe und zwangen dadurch die Schiffer, durch die Süderelbe zu fahren. Aber das alles geschah doch nur vorübergehend.

Im 1700 versuchte man sogar, im Reiherstieg einen Holzhafen einzurichten, besonders für Flöße von der Oberelbe. Zeitweilig lagerten hier schon 120 Schiffer. Leider war der Amtmann in Wilhelmsburg so kurzsichtig, daß er eine besondere Abgabe von den Schiffern verlangte, wodurch er sie wieder von hier vertrieb.

Im Jahre 1908 wurde der Streit um das tiefe Wasser der Elbe zwischen Preußen und Hamburg durch den sog. Köhlbrandvertrag geregelt. Mit demselben hat es folgende Bewandtnis: Als Harburg seinen Hafen ausgebaut hatte, zeigte sich, daß die zu ihm führenden Wasserwege zu wenig Wasser hatten, so daß die größeren Schiffe nicht zu ihn gelangen konnten. Preußen forderte deshalb Hamburg auf, den Köhlbrand auf zehn Meter zu vertiefen. Das wollte jedoch Hamburg nicht, weil es fürchtete daß es dann selbst nicht Wasser genug für seine Schiffe behielt. Nach längeren Verhandlungen wurde endlich bestimmt, daß nicht nur der Köhlbrand, sondern auch die Norder- und Süderelbe vertieft werden sollten und das bei der Teilung des Wassers an der Moorwerder (Bunthäuser) Spitze dieses gleichmäßig in die Norder- und Süderelbe, sowie den Köhlbrand verteilt werden sollte. Damit war für jetzt der Streit zwischen Preußen und Hamburg beigelegt.

Die Beschäftigung der Bewohner der Insel Wilhelmsburg bestand wohl zuerst in Fisch- und Vogelfang. Auf die letzte Tätigkeit weisen noch heute die Namen Vogelhüttendeich, Finkenriek, Kuckuckshorn, Finkenwerder, usw. hin. Später wurde besonders Viehzucht und Ackerbau betrieben. Die Pferde- und Rinderzucht blühte. Bereits aus dem Jahre 1635 erfahren wir, daß "Claus, der Milchführer aus dem Reiherstieg", mit seinem Ewer nach Hamburg fuhr. Dies waren Schiffe mit flachem Boden. Im Winter setzte man die Milcheimer auf Schlitten.

Wilhelmsburger Milchhöker

Als 1853 zwischen Hamburg und Wilhelmsburg eine Wagenfähre eingerichtet wurde, beförderte man die Milch auf Wagen. Der Preis der Milch betrug beispielsweise im Jahr 1840 5 Pf. 1860 8 Pf. 1870 10 Pf. 1880 13 Pf. 1913 15 Pf. 1926 24 Pf..

Neben die Viehzucht trat der Ackerbau. Wie vor etwa 140 Jahren die Landwirtschaft hier betrieben wurde, darüber gibt uns am besten ein Bericht des Amtmanns Brauns hierselbst vom 7. Februar 1786, welcher lautet :

"Die einträglichste Art, das Wilhelmsburgsche Marschland zu benutzen, ist durch Ochsen- und Kuhweiden, als welche Benutzungsart gegen den Kornbau hierselbst einen so großen Vorzug hat, daß dazu ein vom schädlichen Duwok noch reiner Morgen Stillhorner eigentümlichen Landes mit darauf haftenden Realabgiften und Deichpflichten für 800 bis 1000 Mark Lübisch oder 333 1/2 Taler verkauft werden kann, wogegen es große Mühe kostet, für einen mit Duwok bewachsenen und bloß zum Ackerbau tüchtigen Morgen Landes nur 1/3 jener Summe, ja oft kaum 300 Mark als Kaufgeld zu erhalten. Daß der benannte Duwok ein "dem milchenden Vieh schädliches, ja selbst die Ochsen nicht gehörig fett weidendes Gewächs sei", wird als schon genugsam bekannt vorausgesetzt. Ein hiesiger Morgen Landes hält 600 Quadratruten 14füßige Kalenbergsche Maße und ist der Wilhelmsburgsche sogenannte große Marschmorgen, wenn er regelmäßig in einem Stück liegt, 5 Ruten breit und 120 Ruten lang.

Ein Morgen Wilhelmsburger Land, wenn es alt ausgebrauchtes Ackerland ist, erfordert nach hiesiger Kulturart zu seiner Bedüngung 120 zweispännige Fuder Mist oder auf jede Rutenlänge zu 5 Ruten breite ein Fuder ( à Fuder mit Inbegriff der Ausfuhrkosten zu 1/2 Taler oder 24 Schilling). Neben der Landwirtschaft war das Handwerk auf Wilhelmsburg nur spärlich vertreten. Die verhältnismäßig größte Zahl der Handwerker waren Schmiede, und diese wohnten an der Hauptstraße, die über Wilhelmsburg hinweg Hamburg und Harburg miteinander verband und von der Neulander Fähre über Kirchdorf, den Steindamm, Jenerseite, Sperlsdeich, und Georgswerder verlief. An dieser Straße lag u. a. in Kirchdorf die kleine und an der Kreuzung der Schönenfelder Straße und Jenerseite mit dem Steindamm die sog. große Schmiede. Die letztere ist heute noch in Betrieb. Beide stammen bereits aus der Zeit der Groten, also von vor 1672. Später kamen noch Schmieden am Sperlsdeich, in Georgswerder ( jetzt nicht mehr vorhanden) und an anderen Orten hinzu. Neben jeder Schmiede entstand natürlich auch eine Gastwirtschaft.

Die große Schmiede von Hansen am Steindamm, der heutigen Kirchdorfer Straße

Schuhmacher wurden hier, wie auch sonst auf dem Lande, nur geduldet, wenn sie kein neues Fußzeug verfertigten, sondern nur altes flickten. Übertraten sie dieses Gebot, so wurden ihnen sowohl Leder, als auch Handwerkszeug weggenommen.

1838 wurde ein Glasermeister auf Wilhelmsburg, nachdem er seine Meisterprüfung gut bestanden hatte, als Landmeister der Harburger Glasergilde aufgenommen, jedoch mit dem Vorbehalt, daß er das Glaserhandwerk nur auf den Elbinseln betreiben dürfe, widrigenfalls man gerichtlich gegen ihn vorgehe.

1848 waren auf Wilhelmsburg folgende Handwerker: 7 Bäcker, 3 Böttcher, 3 Dachdecker, 16 Fischer, 1 Glaser, 7 Hausschlachter, 5 Höker, 15 Krüger, 1 Maler, 3 Maurer, 1 Müller, 9 Musiker, 2 Rademacher, 1 Riemer mit eigenen Lohgruben, 2 Schiffer, 6 Schiffbauer, 2 Schlachter "zum feilen Verkauf", 6 Schlosser und Schmiede, 14 Schneider und Schneiderinnen, 19 Schuster, 1 Seiler, 6 Tischler, 2 Zimmermeister, und 131 Milchhöker.

Bis zum Ende der 80er Jahre war Wilhelmsburg ein vollständig ländlicher Ort. Das wurde anders, als am 1.Oktober 1888 der Hamburger Hafen Freihafen wurde. Bei dieser Gelegenheit ließ die Firma Vering zwei Höfe in Reiherstieg mit Baggersand aufhöhen und schuf so vorzügliches Wohngelände.

In den nächsten Jahrzehnten entstanden, besonders am Reiherstieg, dann aber auch an Kanälen, die auf der Insel geschaffen wurden, große Fabriken. Es seien nur beispielsweise folgende genannt:

Die Plangesche Weizenmühle, die größte dieser Art auf dem Festlande, deren Besitzer schon vor dem Kriege allein an Zoll 9 Millionen Mark zahlte;

die Deutschen Erdölwerke, die fast die ganze Ausbeute von Wietze bei Celle bezieht;

(Bild oben) die Norddeutsche Wollkämmerei und Kammgarnspinnerei, die drittgrößte ihrer Art in Deutschland;

(Bild oben) die Palminfabrik, die schon in Vorkriegszeiten einen jährlichen Umsatz von 40 Millionen Mark hatte.

In Georgswerder liegen zwei Ziegeleien.

Die Gleise der Industriebahn haben eine Länge von 25 km. Dazu befindet sich hier ein großer Verschiebe- und ein Personalbahnhof. Letzterer wurde 1892 angelegt. Mit Harburg und Hamburg ist Wilhelmsburg außerdem durch zwei Brücken über die Norder- und zwei Brücken über die Süderelbe verbunden. Seit etwa 25 Jahren fährt eine elektrische Bahn über die Insel.

Infolge der wachsenden Industrie nahm die Bevölkerung schnell zu. Die Insel hatte :

1860 . . . 3.900 Einwohner

1890 . . . 8.800 Einwohner

1895 . . . 12.800 Einwohner

1900 . . . 16.700 Einwohner

1905 . . . 22.400 Einwohner

1910 . . .28.225 Einwohner

1915 etwa 32.019 Einwohner bei einer Größe von 2578 ha.

Jetzt ist sie die zweitgrößte Stadt im Regierungsbezirk. Sie hat Elektrizität, Gas, Wasser, Kanalisation, Schlachthaus, Badeanstalt, usw.

Durch den Bau weiterer Kanäle soll sie immer mehr für die Industrie aufgeschlossen werden.

Seit dem 1.September 1925 hat sich Wilhelmsburg vom Landkreis Harburg abgetrennt. Es wurde zu einer kreisfreien Stadt erhoben und zahlte dafür an Abfindung an den Kreis eine Million Mark, dazu kam der Betrag für die Armenanstalt Huckfeld bei Hitfeld, die die Stadt Wilhelmsburg übernahm, mit 100.000 Mark. Der Haushaltsplan zeigt in Einnahme und Ausgabe eine Summe von (1925) fast 3 600 000 Mark.

Am 1.Juli 1927 erfolgte der Zusammenschluß mit Harburg, sowie den Inseln Kattwyk und Hoheschar zu einer großen Stadt mit dem Namen

Harburg-Wilhelmsburg.