Die Feier des Stapellaufes des 100. Dreimastvollschiffes

Auf der Werft von Christian Dreyer auf Neuhof

Von Johann Hinrich Witt

 

Heute ist in Neuhof am Reiherstieg großer Festtag, denn das 100. Schiff, welches auf der Dreyerschen Werft erbaut wurde, soll vom Stapel laufen. Dieses Jubiläum soll festlich begannen werden.

Der Festansager geht von Haus zu Haus und sagt an. Er hat sich hierzu extra einen Vers gedichtet, der lautet:

Wer sünst sleedig mit holpen hett

Bien hiven von de ohlen Schepp,

Wer hierbie datt Gangspill mit dreiht hett,

De is hüt mit inlod.

Un sall mit fiern.

De Stopellop find morgen nomittag so um Klock dree bi Hochwoder statt.

Das Schiff wurde mit Girlanden und Flaggen reichlich geschmückt.

Von dem Tanzsalon von Wettern in Wilhelmsburg am Reiherstieg waren viele Tische und Stühle geholt worden. Diese wurden auf der Dreyerschen Werft aufgestellt und schön gedeckt.

An jedem Ende der langen Tischreihen lag ein großes Bierfass, das nach gut geglücktem Stapellauf und nach dem Essen, es gab hierbei schöne, belegte Butterbrote, leer getrunken werden sollte.

Am Festtage sahen sich Baas Dreyer und der Meisterknecht Hein Sievers das geschmückte Schiff und die gedeckten Tische nochmals an. Hier und da wurde noch dieses und jenes verbessert.

Dann gingen der Baas und der Meister zu den Zimmerleuten, die das Schiff ausstallten. Der Baas sagte: Na, Zimmerlüd, is ok alns klor ton Stapellop?

Die Zimmerleute sagten: Jo, Baas is alls in Reg. Datt Schipp kann, wenn de Taun kappt sind, von Stopel lopen.

Inzwischen hatten sich schon viele Gäste und Zuschauer au der Werft eingefunden. Denn gleich mussten ja auch die Herren der Hamburger Reederei ankommen, die mit einer Dampfbarkasse vom Baumwall nach hier unterwegs waren. Da kommt ja schon der kleine Dampfer, sagte Hein Meister zum Baas.

Nun gingen die beiden hin und holten die Herren vom Anlege-Stack ab. Es fand eine gegenseitige herzliche Begrüßung statt. Hierauf führten der Baas und der Meister die Herren zum Schiff. Es fand eine kurze Besichtigung statt. Der Baas führte hierauf die Festteilnehmer zur Tribüne, und der Augenblick des Stapellaufes  des 100. Schiffes auf der Dreyerschen Werft in Neuhof war gekommen.

Die Schiffszimmerleute hatten inzwischen die Taue, die das Schiff nach unten ziehen sollten, auf Kraft gesetzt.

Auch hatten noch unsere Zimmerleute, vorn am Bug des Schiffes eine Flasche Sekt befestigt, womit bei Stapellauf das Schiff getauft werden soll.

Jetzt trat einer der Herren von der Reederei hervor und hielt folgende Ansprache:

Werftbesitzer, Baas, Meister, Schiffszimmerleute und Arbeiter!

Wir stehen jetzt im Begriff, das 100. Segelschiff, welches Ihr auf Eurer Werft erbaut habt, dem Element zu übergeben. Die Segelschiffe von Dreyer fahren in aller Herren Länder. Der Name der Werft von Dreyer hat in Schifffahrtskreisen einen guten Klang. Indem wir nun dieses Schiff zu Wasser lassen, wünschen wir ihm Glück auf allen seinen Fahrten. Möge es in seinen Heimathafen immer wiederkehren.

Jetzt gab Baas Dreyer das Kommando:

Kapp de Taun

Die Schiffszimmerleute schlugen die letzten Stützen weg und hauten die Taue durch.

Stützen und Taue weg, Schiff klar zum Stapellauf, meldete Hein Meister.

Die Musik fing an das alte Gangspillied zu spielen:

Als ich an einem Sommertag

Im kühlen Wald im Schatten lag,

in der Schweiz, in der Schweiz, in Tirol.

Zugleich fingen die Männer an den Gangspillen an, die Gangspilln in Bewegung zu setzen, gleichzeitig sangen alle das Lied mit. Bald wurden die Taue stramm, und das Jubiläumsschiff setzte sich, erst ganz langsam, dann immer etwas schneller, in Bewegung, und feierlich und Majestätisch glitt das große schöne Schiff hinein in die Fluten des Reiherstiegs.

Als der Schiffskörper sich in Bewegung setzte, warf ein Herr der Reederei eine Flasche Sekt mit den Worten:

Ich taufe dich „Kehrwieder“, mache glückliche Fahrt, und kehre immer wieder nach deinem Heimathafen zurück“.

Die Erwartung der Zuschauer war unter den Worten des Redners auf die denkbar höchste Spannung gestiegen. Diese löste sich, als der Redner die Flasche deutschen Schaumweins, die dabei zersplitterte und deren Inhalt leicht perlend am Bug des Schiffes hinabfloss, gegen den Bug des Schiffes schleuderte.

Aus der Menge riefen einige Stimmen: „Jetzt! Jetzt!“

Mit seinem Heck tauchte das Schiff in die Fluten, ein wenig zu tief wie es scheint, aber gleich hebt es sich wieder und schwimmt nunmehr mit selbstverständlicher Sicherheit auf dem Reiherstieg. Eine gewaltige Welle flutet auf den Helgen zurück und an den Seiten des Reiherstieges entlang. Manchem Schiffszimmermann am Ende der Helling schlägt das Wasser über die zurückeilenden Füße bis zum Knie hin zusammen.

In diesem Augenblick erschallt wieder die Stimme von Baas Dreyer. Er gibt dem Empfinden seiner ganzen Werftbelegschaft Ausdruck, als er ruft: “Wir alle, die wir soeben Zeuge, des nunmehr vollzogenen feierlichen 100. Stapellaufes gewesen sind, vereinigen uns dankerfüllt zu dem Rufe “unser Aufraggeber, die Reederei der „Kehrwieder“, sie lebe hoch, hoch, hoch!“

Die Dorfkapelle fällt ein und spielt ein passendes Musikstück. Aber ganz ohne Störung verlief der Stapellauf doch nicht. Denn das Schiff hatte zu große Fahrt, und die Anker die geworfen worden waren, hielten nicht gleich fest. So kam es dann, dass es sich mit seinem Hintersteven in den Schlick der Einbuchtung des Reiherstieges bei Wettern festrammte. Es wurde aber bei der nächsten Flut wieder flott.

Denn wir hatte inzwischen eine Nord-Ost Brise bekommen, hierdurch trat ein erhöhter Wasserstand ein, der die „Kehrwieder wieder flott machte.

Den alten See- und Fahrensleuten passte diese Störung nicht so recht, denn sie hatten früher bei all solchen Vorkommnissen immer etwas in dem Sinn. Denn früher wurde vieles noch erzählt von Vorsehung, von Speuken und sonstigem Kram. Ob nun die „Kehrwieder“ immer glücklich gefahren ist oder nicht, kann ich mit Bestimmtheit nicht mehr berichten. Die Sage in Neuhof raunt, dass die Kehrwieder“ bei ihrer ersten Fahrt mit Mann und Maus geblieben ist.

Nach dem Stapellauf nahmen alle Herren von der Reederei und von der Werftleitung und Werftbelegschaft sowie alle geladenen Gäste an den schon gedeckten Tischen platz. Denn es gab belegte Butterbrote und Bier, nach dem Essen auch noch Zigarren.

Gegen Abend fuhren die Herren von der Reederei und Baas Dreyer mit ihrer Barkasse nach Hamburg zurück.

Die Feier auf der Werft dauerte bis spät Abends, einige Teilnehmer sollen dabei sogar unter den Tisch gefallen sein und hier erst ein paar Stunden ihren Rausch ausgeschlafen haben, bis sie wieder auf den Beinen waren und nach Hause gehen konnten. Sonst nahm diese Feier einen guten und würdigen Verlauf.

Deshalb erzählen die alten Leute von Neuhof noch heute vom Stapellauf des 100. Segelschiffes „ Kehrwieder “ au der Werft von Chrischan Dreyer in Neuhof.  

Sonderdruck aus der „Wilhelmsburger Zeitung“ vom 31. Dezember 1940