Die Insel der 1000 Widersprüche

Auszüge aus dem Reisetagebuch eines Französischen Studenten

 

Wir hören so selten einmal ein wirklich ernst zu nehmendes Urteil über Wilhelmsburg von einem Nichtwilhelmsburger. Hier erreicht uns aber doch einmal ein solches Urteil. Es stammt von dem französischen Studenten Alain Duval, der sich nicht nur unvoreingenommen und auch recht gründlich auf der Elbinsel Umsah, sondern dies auch mit einem geradezu überraschenden Verständnis für die inneren Zusammenhänge tat. Auch dort, wo uns dies Urteil nicht gerade schmeichelt; aber wir müssen uns der inneren, ehrlichen Wahrhaftigkeit beugen die in ihm steckt. Und um dieser schönen Haltung willen wollen wir dieses Urteil dieses erfahrenen Weltmannes unseren Lesern auch nicht vorenthalten.

Die Redaktion der Wilhelmsburger Zeitung, November 1955

 

Die Insel der 1000 Widersprüche

Auszüge aus dem Reisetagebuch eines Französischen Studenten

 

Alain Duval:

Dann kam ich nach Wilhelmsburg. Noch nie ist mir ein so merkwürdiges Stückchen Erde begegnet.- Dabei scheint der eigentümliche Charakter dieses Gebietes zunächst einmal darin zu liegen, daß ihm jegliche charakteristische Besonderheit absolut fehlt. Was denn ist Wilhelmsburg anders als eine jener gesichtlosen Vorstädte, wie es ihrer unzählige gibt,- nicht Stadt und nicht Land, ein beziehungsloses Nebeneinander von zweckmäßiger Häßlichkeit,- zur Zeit der beginnenden Industrialisierung unorganisch emporgeschossen, ohne Harmonie, ohne Tradition und ohne Mitte ? Aber auf irgendeine unerklärliche Art ist Wilhelmsburg einmalig.

Schon der Inselcharakter sondert es ab und gibt ihm Äußerlich eine gewisse Geschlossenheit und Eigengesetzlichkeit. Was einem dann freilich zwischen den beiden Elbarmen vor Augen kommt, erscheint als ein geradezu chaotisches Durcheinander. Merkwürdige Insel, merkwürdige Bewohner .....

Oft hängen Mütter mit einer besonders zärtlichen Liebe gerade an ihren mißratenen Kindern, und das mag es wohl gewesen sein, was die Elbe bewog, dieses trostlose Land in ihre Arme zu schließen. Eine öde weite Fläche, durchzogen von schnurgeraden Verbindungsstraßen, ölschillernden, stinkenden Kanälen und verlorenen Bahngleisen,- verzwickte Labyrinthe von Schrebergärten mit armseligen Hütten, schwarzgeteerten Taubenställen und einem unmöglichen Gewirr von Antennen, Wäscheleinen und Lichtmasten,- irgendwo inmitten endloser Wiesen plötzlich eine fünfstöckige Mietskaserne,- hier die roten Backsteinhäuser sich zu städtischen Wohn- und Geschäftsstraßen verdichtend,- dort vor dunstigem Himmel aufragende Öltanks, riesige Schornsteine und Fabrikhallen,- dazwischen weite, leere Flächen, strohgedeckte Bauernhäuser und sumpfiges Schilfgelände, über das ein Schwarm von Enten hinwegstreicht:- Das ist Wilhelmsburg.

Man kann nicht einmal sagen das dieses unorganische Durcheinander eine Disharmonie ergäbe. Mißklang entsteht durch eine gestörte Ordnung oder Harmonie: So wie man durch das Anschlagen der höchsten und der tiefsten Saite eines Musikinstrumentes keine Dissonanz erzeugen kann, weil das Ohr nur zwei einzelne Töne wahrnimmt, die nichts miteinander zutun haben, so fühlt sich auch das Auge durch die völlige "Stillosigkeit" Wilhelmsburgs kaum beleidigt. Wilhelmsburg ist nicht unharmonisch, Wilhelmsburg ist absurd. Es liegt sozusagen jenseits von Schön und Häßlich. Und das gibt ihm einen gewissen Reiz.

Die Rolle, die anderswo der Dom oder die Kathedrale als weithin sichtbares Wahrzeichen der Stadt einnehmen, fällt hier einem monströsen schwarzen Betonklotz zu, größer als der Arc Triumphe, der, stehengeblieben aus den Jahren des Krieges, das Panorama beherrscht. Düster und beängstigend, triefend von Nässe, Kalk und Rost, droht er über die Insel, ein zweiter babylonischer Turm, Sinnbild menschlicher Vermessenheit......

Die um die Jahrhundertwende erbauten Mietskasernen tragen auf ihren Fassaden die merkwürdig gewundene Ornamentik zur Schau, die damals in Mode war,- einige sind mit kachelähnlichen, glasierten Steinen verkleidet, die einmal gelb, weiß oder blau waren, ähnlich den Steinen, mit denen die Schächte der Pariser Metro ausgemauert sind. Die später errichteten Wohnblocks sind von einem verwaschenen rot, ein befremdender Anblick, an dem man sich erst gewöhnen muß: Man verfügt hier nicht so reichlich über Naturstein wie bei uns, daher ist man - falls die Fassaden nicht mit Zement verputzt werden - auf gebrannten Ziegel angewiesen. Auch die spitz zulaufenden Dächer mit den sauber darauf angeordneten Schornsteinen sind rot. Ein Haus sieht aus wie das andere, langgestreckt, drei- oder vierstöckig mit Fenstern ohne Läden. So ziehen sie sich in geraden Reihen die Straßen hinab, langsam grau und unansehnlich macht.

Was die Heuschrecken in Afrika, daß ist der Roß in Wilhelmsburg. Es gibt Tage, an denen man ohne Gefahr an einem weißgededeckten Tisch und mit frischem Oberhemd im Garten das Frühstück einnehmen kann. Aber schon am nächsten Morgen sinken feine, schwarze Flocken vom Himmel, lassen sich auf der weißen Oberfläche der Milch nieder, kriechen in Kragen und Manschetten und verteilen sich gleichmäßig auf das Tischtuch. Die Hausfrauen scheinen eine untrügliche Witterung für Rußfreie Tage zu haben,- sonst könnten sie ihre Wäsche von der Leine nehmen und gleich wieder in den Waschzuber werfen. Ähnlich verhält es sich mit den Odeurs. Es gibt Tage, an denen irgendeine Fabrik mit ihrem penetranten Duft die Atmosphäre beherrscht. Ein echter Wilhelmsburger kann diese Gerüche genau unterscheiden und ist daher immer über die Windrichtung orientiert. Einige behaupten sogar, selbst bei Dunkelheit sei es überflüssig, daß die Strassenbahnschaffner die Stationen ausrufen: Man könne sie riechen. Zu dieser Perfektion habe ich es allerdings bisher noch nicht gebracht.

Hier und da haben sich die Häuser aus nicht mehr aufzufindenden Gründen zu dichtbebauten Vierteln zueinandergeflüchtet. Um von einer dieser weltverlorenen steinernen Inseln zur kilometerweit entfernt liegenden anderen zu gelangen, muß man durch ödes Weide- oder Brachland laufen. Zuweilen hat die Landschaft etwas wirklich Groteskes, es scheint hier nichts zu geben, das sich nicht miteinander vereinen ließe: Ohne auf das Land unter sich Rücksicht zu nehmen, spannen die eisernen Masten einer Überlandleitung ihre Kabel in den Himmel, hinweg über Wohnviertel, Kanäle, Fabriken, Schrebergärten, Weiden und Bauernhäuser. Zwischen Grabsteinen und Kreuzen, mitten durch den Friedhof, ziehen sich die Gleise einer Industriebahn,- Und immer wieder begegnet man inmitten weiten, unbebauten Landes unvermutet einer hochgeschossigen Mietskaserne mit fensterlosen Brandmauern, die irgendeine längstvergessene Planung einmal hierher stellte und die nun seit Jahrzehnten, vom Alter geschwärzt, auf Gesellschaft wartet.

Endlos scheint die Insel, weit und eben ... An hellen, regnerischen Tagen erwecken die unzähligen Gräben, die Bracks, die kleinen Kanäle und die tausend über das Land ausgestreuten Pfützen, in denen das silberne Licht sich spiegelt, den Eindruck, als hätte jemand den Himmel in Scherben geschlagen und als blinkten nun ringsum seine hellen Splitter aus der dunkleren Ebene. Der Qualm der entfernten Fabrikschornsteine hält sich träge, reglos fast, vor dem nebligen Grau des Himmels und sinkt dann, vom Regen beschwert, zu Boden. Wild und klagend brüllt ein Dampfer vom Strom herüber, ein gefesseltes Tier, das an seiner Kette zerrt.- Wer hier geboren wurde, wird das Land lieben,- für einen Fremden ist es schwer, hier heimisch zu werden.

Heute führte mich ein Spaziergang in den Osten der Insel. Ich war überrascht. Man fühlt sich plötzlich auf dem Lande - keine Stadt scheint in der nähe zu liegen. Bauernhäuser, Obstgärten, Felder, eine alte Windmühle, zurückgezogene Villen mit verwilderten oder sorgfältig gepflegten Gärten: Hier hat die Insel noch ihr altes Gesicht bewahrt und man begreift plötzlich ihre Eigengesetzlichkeit, ihr Selbstbewußtsein und ihre Tradition.

Wilhelmsburg hat seine Geschichte, hat ein eigenes Wappen und bestimmte alteingesessene Familien. Auf eine unerklärliche Art spürt man diesen Geist in all dem Durcheinander noch heraus und sei es nur in dem Stolz, ein "alter" Wilhelmsburger zu sein: Die Einwohner selbst mögen auf ihre Insel schimpfen, aber sie dulden nicht, daß ein Fremder es tut.

Die Bevölkerung besteht überwiegend aus Arbeitern, wirtschaftlich geht es ihnen besser, als den französischen. Von Ausnahmen abgesehen haben sie gut eingerichtete, oft geräumige und sonnige Wohnungen. Möge diese roten Backsteinkasernen auch äußerlich nicht gerade eine Augenweide sein(ich traf übrigens viele Leute, die sie schön finden),- auf jeden Fall sind sie gesund, hygienisch, nicht dunkel und beengt, sondern mit Grünflächen, Bäumen und Kinderspielplätzen dazwischen. An freien Tagen oder nach Arbeitsschluß beschäftigen die Bewohner sich oft auf einem kleinen Stückchen gepachteten Lands, wo sie Hühner und Kaninchen halten oder Gemüse anbauen.- Man arbeitet viel und unterscheidet streng zwischen Arbeit und Vergnügen. Beides wird mit dem gleichen Ernst betrieben.

Stets ziehen die Vorstädte entweder die Armen an, die sich eine Wohnung in der Stadtmitte nicht leisten können, oder die Reichen, die sich eine Villa ins Grüne pflanzen. Das Innere einer Stadt zeigt meistens ein offizielles Gesicht, die Extreme findet man an ihrem Rande. Wilhelmsburg ist, von Ausnahmen abgesehen, ein Viertel der "Kleinen Leute". Trotz des, an unseren Verhältnissen gemessenen, deutlich höheren sozialen Niveaus, gib es noch viel wirkliche Armut. In den abschüssigen Straßen an den Ufern der Kanäle drängen sich noch düstere und elende Mietshäuser aneinander, baufällig und verwohnt mit schwarzen Brandmauern und lichtlosen Hinterhöfen. Die Ärmsten der Armen hausen, Opfer des verheerenden Krieges, in behelfsmäßigen Unterkünften, aus halbkreisförmig gebogenen Wellblechplatten zusammengefügt, vorn und hinten zugemauert,- oder in feuchten, fensterlosen Betonbunkern.

Man "feiert" viel in Wilhelmsburg und ist eigentlich nie um einen Grund verlegen. Sonnabendsnachts trifft man stets Betrunkene in den Straßen. Die Deutschen trinken seltener als wir, aber wenn sie es tun, so betrinken sie sich meist völlig.

Merkwürdige Gegensätze: Einmal glaubt man die Triebkräfte des hiesigen Lebens nur in Arbeit, Radio, Fußballplatz, Kino, und Alkohol zu sehen,- dann ist da plötzlich auf einer Wiese am Straßenrand ein Vater, der mit seinen kleinen Söhnen einen roten oder blauen Drachen zum Himmel aufsteigen läßt und dabei selbst wieder zum Kind wird,- oder Eltern, die Hand in Hand mit ihren Kindern durch die Dämmerung gehen und leise schwankende Papierlaternen vor sich hertragen. Und sie singen dazu. Laterne, Laterne, die Sonne, der Mond, und die Sterne....

Nie zuvor habe ich bei den gleichen Menschen Verwahrlosung und Spießbürgerlichkeit so eng gepaart gefunden wie in Wilhelmsburg. Hier scheint man kein Gefühl für unvereinbare Gegensätze zu haben.- Einmal ist Wilhelmsburg der typische Vorort, Ausläufer einer Weltstadt mit all ihren Schattenseiten: Die in den Straßen herumlungernden Rotten von Halbwüchsigen, aufdringliche, vergnügungssüchtig, unmäßig und roh, ohne persönliche Neigungen und Interessen, die grellfarbigen Kinoplakate, die lauten und geistlosen Amüsements, deren Lärm bis auf die Straßen dringt, das unartikulierte Gegröle der Betrunkenen, die aufgelöste Moral und der mangelnde Respekt sind typische Charakterzüge der anonymen und gesichtslosen Vorstadtbevölkerung.- Und gleichzeitig ist Wilhelmsburg die spießbürgerlichste Kleinstadt, die man sich vorstellen kann.- Kleinstadt, in der jeder jeden kennt, Kleinstadt mit ihrem Klatsch und ihren Tabus, Kleinstadt, in der zum Beispiel ein Franzose nicht vierzehn Tage lang leben kann, ohne daß es alle Welt weiß. Niemand kann hier untertauchen und unbeobachtet bleiben. Wilhelmsburg ist eine jener Städte, in denen man einen "Ruf" hat. Nur, das man hier mit anderen Maßstäben mißt, als anderswo. Fast jeder Bürger gehört einem oder mehreren Vereinen an, einen Sport- oder Kegelclub, einem Kaninchenzüchter-, Gesangs- oder Gartenverein, von denen es hier eine Unzahl gibt. Einige der älteren Einwohner bemühen sich mit rührender und opferbereiter Aktivität um die Erhaltung der überlieferten Werke und um die Förderung einer Art kulturellen Lebens.- Unverständliches Land, Insel der tausend Widersprüche......

Das war der letzte Spaziergang in Wilhelmsburg, - ein nasser, nebliger Abend. Inge fror und sie tat ihre kleine Hand zu der meinen in die Manteltasche, um sie zu wärmen. Mit hochgeschlagenem Mantelkragen klapperte ein Radfahrer dem Lichtfleck seiner Lampe nach, der wie ein gehetzter Hase vor ihm über das feuchte Pflaster sprang. "U-we", rief eine Frau in die Dunkelheit hinaus, langgezogen und schläfrig sank der verlorene Laut in gleichmäßigen Abständen in den Abend. Wir gingen die Straße hinauf zwischen den vielen Fenstern, hinter deren Tüllgardinen, träge dickbäuchige Deckenampeln im Dämmerlicht schwammen, leuchtenden Fischen gleich, die man durch die Wände ihrer Aquarien betrachtet. Und ich dachte mir, daß doch eigentlich hinter allen Fenstern auf der ganzen Welt das gleiche Leid und das gleiche Glück zu Hause sind. An einem Brückengeländer verweilten wir. Der Kanal stank, aber das machte nichts. Vom Güterbahnhof trug der Wind das Rumpeln und aufeinander klirren der Waggons herüber. Eine Lokomotive schrie ihren wilden, wehen Schrei in den Himmel. Irgendwo am Horizont zuckte der Widerschein einer großen Flamme durch den Nebel. Inge suchte etwas am Himmel. "Keine Sterne", sagt sie bekümmert. "Aber wenn hier die Sterne scheinen", fuhr sie fort und streichelte meine Hand, "dann sind es die gleichen, die auch über Paris leuchten".- Das wunderte mich einen Augenblick lang. Aber sie hatte recht, wie immer.