Von Margot Behn

Meine Familie hat viele Jahre auf Neuhof gelebt; meine Großeltern mütterlicherseits (Michael Bohle) in der Nippoldstraße, die Eltern meines Vaters (Paul Kalbus) in der Köhlbrandstr. 58. Nach der Geburt meiner jüngeren Schwester sind wir Ende 1952 von Haus 58 in den 3. Stock der Hausnummer 64 gezogen, wo wir bis März 1969 gewohnt haben.

Heute kann sich das sicherlich kaum noch jemand vorstellen, wie es dort war, es sei denn er hat selbst dort viele Jahre gelebt. Es war ziemlich familiär, fast jeder kannte jeden. Die Eltern waren zusammen zur Schule gegangen, die Kinder dann größtenteils auch. Man konnte als Kind auf der Straße spielen, ohne viel auf Autos achten zu müssen. Die Trajektfähre fuhr nur alle halbe Stunde, dann musste man für einen kurzen Augenblick einige Autos durchlassen und hatte wieder Platz für Federball, Fußball und andere Spiele, die Platz brauchten.

Die Gärten, die zwischen Köhlbrandstraße und dem Deich im "Grund" lagen, wurden größtenteils in die Spiele mit einbezogen. Im Sommer musste man nicht in eine Badeanstalt (wohin auch), man konnte am Köhlbrand spielen, im Köhlbrand baden. Aus heutiger Sicht bestimmt unhygienisch, aber wir waren alle putzmunter.

Man brauchte kein Telefon, um sich zum Spielen zu verabreden, wir lernten soziales Verhalten auch ohne Kindergarten. Allein im Haus 64 gab es bis zu 12 Kinder, verteilt auf 4 Etagen, denn auch im Dachgeschoss waren Wohnungen untergebracht. Ältere Menschen hatten noch Verständnis für Kinder. Man kannte sich eben.

Nun zur Sturmflut. Neuhof hat es sicherlich nicht so schlimm getroffen wie andere Teile Wilhelmsburgs, es waren keine Menschenleben zu beklagen. Aber Wasser hatten wir auch.

 Am 16.02.1962 weckte meine Mutter uns gegen 23:00 Uhr. "Das Wasser kommt". Ich schaute aus dem Fenster. Für mich war es ein faszinierender Anblick. Der Vollmond schien auf die Gärten und Wege und beleuchtete die Szene. Das Wasser fraß sich langsam den Weg entlang und füllte "den Grund", was leider profan hieß, dass die Gärten absoffen. Aber alles glänzte silbern. Bei Tageslicht besehen sah das ganze dann nicht mehr so poetisch aus. Im Keller stand das Grundwasser ca. 2 m hoch, bis es langsam wieder absickerte. In den Gärten waren viele Tiere ertrunken, die dort von Neuhofer Bewohnern gehalten wurden. Mein Großvater war Gottseidank so weitsichtig gewesen, die Hühner und Kaninchen rechtzeitig aus dem Garten zu holen und in die Wohnung zu bringen. Haben Sie schon mal eine Ladung Hühner im Wohnzimmer gehabt ? Auch das Eingemachte war rechtzeitig aus dem Keller geholt worden. Bei anderen Familien sah das leider anders aus.

Viele Häuser am Deich, die von Fischern bewohnt wurden, waren nach dieser Nacht leider nicht mehr bewohnbar.

Dies war dann mehr oder weniger der Anfang vom Ende. Zumindest aus der Sicht der damals knapp 13jährigen. Einige Jahre danach wurden die Gärten aufgelöst, "der Grund" wurde aufgefüllt und es wurden neue Silos gebaut. Mein Großvater vermisste seiner Garten so sehr, dass er letztendlich den Verstand verlor. Immer nur um den Häuserblock und sich mit älteren Herren über deren Krankheiten zu unterhalten. Das war nichts für ihn. Am 30.12.1966 ist er fortgegangen, um "nach Hause" zu gehen. Im dunkeln ist er ins Wasser gefallen und ertrunken. 3 Monate später hat ihn die Polizei erst gefunden.

Die ersten Bewohner verließen Neuhof, die frei gewordenen Wohnungen wurden mit ausländischen Mitbewohnern belegt. Die Neue Heimat hat nichts mehr an den Häusern renoviert und sie langsam aber sicher vergammeln lassen. 1969 sind wir dann nach Wilhelmsburg zum Groß Sand gezogen, wo mein Vater heute noch wohnt.

Das war Neuhof, klein und verläßlich für Kinder; teilweise beengend für Jugendliche; aber immer Heimat. Man wusste, wohin man gehörte.

Seevetal am 23.04.2004