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Hamburg 1944/45
Als Luftwaffenhelfer (schw.zbv. 2./414)
auf dem Flakturm in HH-Wilhelmsburg
Von Gustave Roosen

Hamburg-Wilhelmsburg, Flakturm mit 4 x 12,8 cm Zwillings-Geschützen, eins pro Rondell - das war die dritte und letzte Station von uns, den einstigen Monschauer Oberschülern, nach vorangegangenen Einsatzorten in Aachen, bis US-Artilleriebeschuss das dortige Ende einläutete, danach ein Gastspiel in Langenbochum, direkt an der Zeche "Schlegel und Eisen" und nun eben hier.

Auf zum letzten Gefecht. Wir kamen am 14. November 1944 in Hamburg an. Ich war als noch kleiner Junge in Hamburg aufgewachsen und kannte mich aus. Wie sah Hamburg jetzt aus! Die Binnenalster mit Netzen zur Tarnung abgedeckt, über dem Hauptbahnhof eine Abdeckung aus Strohmatten in Straßenbreite, über die Außenalster ebenfalls mit einer ähnlichen Tarnmatte eine Pseudo-Lombardsbrücke gezogen - aber die Bomber hatten bereits 1943 schwer gewütet.

Wir sammelten uns auf dem Gelände an der Rothenbaumchaussee, damals Stab der Luftwaffe, heute Tennisplatz-Anlagen. Ein Teil von uns wurde dem Flakturm in Wilhelmsburg zugeteilt. Zur Geschützbedienung eingeteilt zu werden, war mein stiller Wunsch und ich hatte auch das Glück, als "K1" (Seitenrichtkanonier) auf "Dora" eingewiesen und eingesetzt zu werden.

 

  Flakturm aus der Vogelperspektive, wie ihn die britischen und amerikanischen Bomberpiloten einst wahrzunehmen hatten, allerdings mit feuerspuckenden acht Rohren, die auf sie gerichtet waren. Koordinaten: Rotenhäuserdamm / Neuhöfer Straße.  

Im Grunde war es kein Kunststück, es erforderte Einfühlungsvermögen und Fingerspitzengefühl, um die Doppelzeiger - Sollwert / Istwert - mit der Umdrehungsgeschwindigkeit des Nachführzeigers (identisch mit Drehgeschwindigkeit Geschütz) auszutarieren und haargenau auf Übereinstimmung ("auf Deckung") zu halten. Man saß auf einem Blechsitz, wie auf einem Traktor, vor sich das Handrad, dahinter die große Doppelzeigerskala und der Einschlagwinkel des Handrades bestimmte die Drehgeschwindigkeit des Geschützes (bzw. beim "K2" die des Höhen-Anstellwinkels); es war angenehm, daß alles hydraulisch funktionierte, im Gegensatz zur 8,8 cm Flak, die es mit Muskelkraft einzustellen galt.

Hier in Hamburg hatten wir laufend zu tun - jeden Abend gegen 20 Uhr, man konnte die Uhr danach stellen, Voll-Alarm. Bomberverbände, die auf dem Weg nach Berlin waren, nahmen die Elbmündung und die Elbe als Einflugschneise. Natürlich war Hamburg, der Hafen, die Öltanks und Raffinerien in Harburg und Wilhelmsburg laufend Ziel ihrer massiven Angriffe. Es gab infernalische Gefechtssituationen aber man hatte - hier besonders - das Gefühl, sich wehren zu können; allerdings hatten wir unter erschwerten Gefechtsbedingungen zu leiden, denn die Munition, die wir verfeuerten, Kaliber 12,8 cm, kam aus einer Munitionsfabrik, in der "Zwangsarbeiter" und wohl auch Häftlinge beschäftigt waren, die aus unserer Sicht Sabotage betrieben: Der Geschoßboden der Granate, die sie sabotierten, wurde angebohrt, sodass die Treibladung, die bei Abschuß gezündet wurde, auch die Sprengladung der Granate zündete. Die Folge war im günstigsten Fall Rohraufbaucher, im ungünstigsten Fall Rohrkrepierer. Wir fanden nach einem der zahlreichen schweren Gefechte unser abgerissenes Rohr 300 Meter entfernt in der Nachbarschaft wieder, wie eine Bananenschale streifig aufgerissen.
In der Hitze des Gefechts hatten wir nicht sofort bemerkt, daß wir nur noch mit einem Stumpf weiterschossen...

 

Wir hatten zwar Ersatzrohre im Keller aber die Kranverladung nach oben und die Montage dauerte einige Zeit, in der wir nicht einsatzbereit waren. Das Auswechseln von Rohren kam während der Zeit, in der ich auf dem Turm stationiert war, mehrfach vor.

Schulunterricht war schon seit Juli 1944, noch zu unserer Aachener Zeit, kein Thema mehr; die ständige Alarm- und Gefechtsbereitschaft machte es auch dem Lehrkörper unmöglich, noch Unterrichtsstunden abzuhalten. Hier in Hamburg hatten wir sowieso mehr Lehrlinge als Oberschüler - feine und umgängliche Kerle, die meisten von ihnen bei Blohm & Voß in der Schiffsreparatur oder in der Flugzeugwerft auf Finkenwerder als Motorenschlosser aus der Lehre abgezogen und mit praxisnaher Lebenseinstellung und -erfahrung schon versehen, was von uns - den Schülern - sehr bewundert wurde. Bei Wochenendurlaub kleideten sie sich wie die feinen Lords heraus, mit Bowler und feinem Tuch ausstaffiert, zogen sie mit ihren Bräuten und Mädchen los. Beneidenswert!

Die Flakturm-Batterien, so auch die in Wilhelmsburg, bestanden aus zwei Türmen - dem Geschützturm, einem Quader aus Stahlbeton mit 50 m Kantenlänge, innen in 7 Geschosse aufgeteilt, in die bei Voralarm bereits die Anwohner aus der näheren Umgebung Zuflucht suchten. Ganz oben befanden sich unsere Unterkünfte. Auf der obersten Plattform standen in jeder Ecke ein Zwillingsgeschütz in einem eigenen Rondell, mit rundumlaufenden Munitionsbunkern sowie außen ein umlaufender Balkon, der ursprünglich für Armierung mit leichter Flak vorgesehen war. Ihn durften wir einmal - für zehn Minuten - mit der Zahnbürste schrubben - wegen irgend eines leichteren Vergehens... Ansonsten war Drill und Schleiferei hier in Hamburg nicht mehr angesagt, das hatten wir in Aachen ausgiebigst zu erdulden gehabt.
Der andere Turm war der Mess-Turm, etwas schlanker in der Bauart, mit Messgeräten, großes FuMG (Gerät zum Vermessen *)) und B1 (Kommandogerät). Zwischen beiden Türmen, die im Abstand zueinander von ca. 100 m standen, befanden sich zu ebener Erde Baracken mit Kantine, Werkstatt-Schuppen, Friseur, Schuster u.a. Einrichtungen. Das Ganze strahlte Lager-Atmosphäre aus.

Wilhelmsburg, südlich zwischen Stadtmitte und Harburg gelegen, war vom eigentlichen Zentrum Hamburg mit dem Hafen, der Alster ziemlich entfernt. Eine zweite Turmbatterie befand sich in St. Pauli, Feldstraße, in unmittelbarer Nähe zur Reeperbahn und ihren Nebenstraßen, damals Zentrum des Schwarzen Marktes, speziell Talstraße. Die auf dem dortigen Turm Stationierten hatten den Vorteil, nicht zu weit vom Zentrum St. Pauli entfernt zu sein.

Eines Tages wurde eine Lkw-Ladung mit Cognac zur Einlagerung auf unserem Turm angeliefert, zur Sicherheit und für eine Fete von der Untergruppe Hafen vorgesehen... Die Kisten wurden mit dem Munitionsaufzug nach oben befördert. Nun ergab sich, daß helle W+G - Spezialisten (Waffen u. Geräte) wachsam die Einlagerung mitverfolgten und eine Kiste abzweigten. Es war dies die erste Kiste, sie wurde in Sekunden geöffnet und die Buddeln verteilt. Als unten die 30. Kiste in den Aufzug verstaut wurde, wartete man oben, wo als letzte Kiste die 29. registriert wurde, vergeblich auf die 30. Kiste. "Die ist wohl im Aufzug hängengeblieben..."

Unsere Unterkunft war das oberste Geschoss, jede Stube belegt mit 6 oder 8 Mann, wie es beim Stuben-Appell stereotyp gemeldet wurde und - welch' unverdientes Glück - es befand sich noch eine unscheinbare Türe in unserer Stube, über die absolutes Stillschweigen bewahrt wurde und außer uns nur zuverlässigen und schweigsamen Kameraden bekannt war. Diese geheime Türe gab den Zugang zu einem Schacht für diverse Versorgungsleitungen frei - vom Keller bis zur obersten Plattform - ein viereckiger Kamin, mit Sprossen an der der Türe gegenüberliegenden Wand. Diesen geheimen Ausstieg benutzten wir natürlich regelmäßig, wenn wir nach draußen wollten und keinen Passierschein für die Wache an der Haupttreppe vorweisen konnten. So nach zwanzig, dreißig Sprossen abwärts konnten wir in einem tiefergelegenen Geschoss aussteigen und ab da die Treppe benutzen. Unten kontrollierte kein Mensch, da die Aufgänge für die Unterschlupf suchende Bevölkerung offengehalten waren.

 
Bäumchen zu ebener Erde wetteifern heute mit Bäumchen auf dem Turmbalkon, sie höhenmäßig bald zu erreichen. Gleich um die Ecke ist jetzt der Spielplatz "Rumpoli" - nomen est omen! Der einstige Lagerplatz mit den Baracken ist heute Siedlungsgebiet geworden, der Mess-Turm abgetragen.
   

Wir "flitzten" in die nähere Umgebung, kauften markenfreie Esswaren, wie Kunsthonig oder Heringssalat und trafen uns mit den "Bräuten" - nahmen aber die Beine in die Hand, wenn die Sirenen Voralarm gaben. Als es eines Tages auffiel, daß trotz bestehenden Alarmes einige der Kanoniere verspätet eintrafen, flog unser "Schlupfloch" auf und unser Geschützführer, Uffz. Ganser, ansonsten ein feiner Kerl, nagelte die Tür mit fünfzölligen Nägeln rundum zu. Aus der Traum mit abendlichem Ausbüchsen!

Von unserer ehemaligen Stammbesatzung der LW-Helfer der Aachener Batterie waren nur noch wenige hier versammelt - ich erinnere mich an Erhard Rößler und Heinz Stollenwerk mit Sicherheit, weitere Namen sind mir nur noch vage in Erinnerung, Förster, Huppertz, von den Hamburger Jungs Herbert Ohde, Kurt Dobberstein. Oberster Boss von uns Jungs war ein gleichaltriger Flugmotorenschlosser, der älter schien und schon
was darstellte - ich sah ihn Mitte der 50er Jahre, als ich wieder in Hamburg lebte, als Fahrschullehrer - mit Fahrschülern sogar aus der Hi Society (!).

Starker Motivationsschub für uns war der Ehrgeiz, entsprechend der Zahl der Beteiligung an bestätigten Abschüssen das Flakkampfabzeichen verliehen zu erhalten; das Soll der Punktezahl hatten wir schon lange zusammen aber die sich ab März überstürzenden Ereignisse in Hamburg machten derlei Träume zunichte.
Im März 1945 hatten wir schwerste Einsätze - am 7.3., am 8.3. und speziell am 11.3. mit Bombenteppichen direkt am Turm.

Zwei Tage später wurde ich offiziell mit Entlassungspapieren verabschiedet und setzte mich nach Detmold in Marsch, wohin ein Teil der Familie nach in Köln erlittenem Totalschaden ausgewichen war. Meine Odyssee war damit aber noch nicht zu Ende. Acht Wochen später - der Krieg war mittlerweile beendet - traf ich in Bad Godesberg ein, ein von Luftangriffen weitgehend verschont gebliebenes Städtchen, bewohnt mit vorwiegend alten Leutchen, wo sich inzwischen die Großmutter ein notdürftiges Quartier in einem Fachwerkhaus beschafft hatte. Dieses Haus ist heute eine Botschaft eines afrikanischen Staates. Der Schulbetrieb auf dem Pädagogium Otto-Kühne-Schule wurde auch bald darauf wieder aufgenommen. Kriegsteilnehmer konnten das Abitur in Sonder - Lehrgängen, die jeweils ein Jahr dauerten, verkürzt erreichen. Ich war im letzten Lehrgang, mit 18 Jahren der jüngste Teilnehmer und machte, heute vor 54 Jahren, mein Abitur. Ich hatte somit nur ein Jahr verloren; was ich in zwei Jahren an Erfahrung gewonnen hatte, lässt sich nicht an metrischen Maßstäben messen...

*) (Abkürzung von Funkmessgerät (heute Radar), es gab seinerzeit verschieden große und leistungsfähige Geräte, die jedoch durch den Abwurf von Stanniolstreifen durch die Pathfinder, die den Bomberpulks vorauseilenden Flugzeugen, welche die Angriffsziele durch sog."Tannenbäume" absteckten (Magnesiumfackeln, die - weil an kl. Fallschirmen zu Boden glitten - das abgesteckte Zielgebiet taghell erleuchteten), empfindlich gestört wurden.


1) Das Lazarett befand sich im 4. Geschoss

2) Ersatzrohre befanden sich im Keller unter dem EG

3) Munitions-Depots befanden sich im EG in spez. Depots. Diese wurden

   dann per Ketten-Aufzug einzeln nach oben transportiert und dort

   in die einzelnen, quadratischen Muni-Bunker deponiert.

   Die Muni-Aufzüge müssen vorhanden gewesen sein, ein Transport von

   Hand, treppauf, mit 60 kg Gewicht, war unmöglich; pro Stunde Gefecht

   wurden rund 2900 Schuss verfeuert!   (6/min x 8 x 60)

4) Die leergeschossenen Hülsen wurden durch runde Abwurfschächte

   nach unten in ein Zwischengeschoss abgeworfen und von dort gesam-

   melt auf dem Hof in Sammelbehälter geschafft; verrostete Hülsen

   wurden mit Drahtbürste gesäubert (eine der willkommensten Arbeiten!)

5) Die Bezeichnung der Geschütz-Rondells: "Anton, Berta, Cäsar, Dora"

   Lokalisierung: Vom Leitturm kommend in Richtung G-Turm, direkt auf

   die Eingänge für (schutzsuchende) Bevölkerung und Mannschaften zu,

   war die Bezeichnung von links im Uhrzeigersinn beginnend bei Anton.

6) Zwischen den Rondellen befand sich eine Kran-Laufbahn, auf der ein

   Kran für Rohrwechsel bereitstand - parallel zu den Rohr-Einlaufstutzen

   (in welche die Rohre abgesenkt wurden).

7) Im 8. OG befanden sich unsere Unterkünfte (107). Versorgungsschächte

   für diverse Leitungen sind mit (6) gekennzeichnet; einer davon war in der

   Unterkunft, in der ich untergebracht war. An der Haupttreppe (2) war

   im Raum (9) eine Wache eingerichtet, an der man nur mit gültigem

   Passierschein vorbeikonnte. Ein länglicher Raum (9) war die Toilette; der

   "7-Zylinder" wurde von Heinrich P. mit dem im Bericht erwähnten Beton-

   Baldachin überdacht...

 

Erläuterungen zur Skizze 8. OG  (Dimensionierung 47 x 47 m):

 

1    Aufzug

2    Haupttreppe für Truppe

3    Nebentreppen (f. Luftschutz)

6    Schacht für Kanäle, Leitungen

9    Toiletten

10  Gasschleuse

45  Untere Plattform (Balkon f.

46  Leichte-Flak Sockel

48  Verteilerraum

49   Sammlerraum

50   Gleichrichterraum

76   Waschraum

106  Brausen

107  Mannschaftsräume

109   Vo Messanlagen

110    Ausdehnungsgefäß

111    Munitionskammer für leichte Flak

112    Untertreträume

P.S. Der Pfeil oben rechts = der "7-Zylinder" (Toilettenanlage)
der Pfeil unten zeigt auf die Unterkunft mit dem im Bericht
erwähnten "geheimen" Schacht-Zugang...